02_Titelthema_Fotolia_80305Laut WHO (Weltgesundheitsorganisation) haben im Durchschnitt nur die Hälfte aller Patienten eine gute Komplianz, aktuelle Studien behaupten sogar: 80 Prozent der Patienten „arbeiten“ nicht kooperativ mit, weil der Arzt sie nicht einbindet bzw. der Patient das Gefühl hat, daß auf seine Anliegen nicht ausreichend eingegangen wurde.
Die Beziehung von Therapeut und Patient sind für den Heilerfolg bedeutungsvoll.

Die vertrauensvolle Erwartung des Kranken, daß der Arzt oder das Medikament hilft, gilt vor allem in der Schmerztherapie schon als der halbe Genesungseffekt. Speziell bei alternativen Heilmethoden, wie beispielsweise der Akupunktur, aber auch in der Homöopathie, bestätigt sich mit zunehmendem Erfolg: eine intensive Zuwendung des Therapeuten zum Patienten beschleunigt Heilungsprozesse nachweislich.

Untersuchungen bezüglich der medizinischen Zukunft in unserem Land zeigen allerdings das Gegenteil: in der kommenden Ärztegeneration wächst an den Universitäten das Verständnis für biomedizinische Zusammenhängen im gleichen Maße wie die soziale Kompetenz abnimmt. Fast könnte der Eindruck entstehen, daß die Fähigkeit des Körpers zur Selbstheilung eher als Störfaktor gilt, da ohne wissenschaftlichen Wirkungsbeweis. Da-bei ist sie doch der Schlüssel für einen erfolgreichen Behandlungsverlauf.

Ein einfühlsames Gespräch wirkt oft besser als teure Präparate.

Daß in der ärztlichen Kommunikation durchaus Defizite erahnbar sind, die beseitigt werden müssen, bestätigten auch die Gespräche auf dem diesjährigen 118. Ärztetag 2015 in Frankfurt, der das Thema „Kommunikative Kompetenz im ärztlichen Alltag – verstehen und verständigen“ auf seiner Agenda stehen hatte. Der Allgemeinmediziner und Psychotherapeut Prof. Dr. Ulrich Schwantes aus Brandenburg legte auf dem Ärztetag seinen Kollegen alarmierendes Zahlenmaterial ans Herz: Ärzte unterbrechen Studien zufolge ihre Patienten im Durchschnitt bereits nach 11 bis 24 Sekunden.

Ließe er den Patienten ausreden, brauche dieser durchschnittlich 60 bis 100 Sekunden, um alles zu sagen, was ihm wichtig erscheine. Deshalb ermahnt Schwantes seine Kollegen, den Patienten ausreden zu lassen. „Ich habe in meinem Berufsleben noch keinen Patienten erlebt, der nicht innerhalb von zwei, drei Minuten erklären konnte, was ihn bedrückt. Die Zeit muss sein.“ Aus eigener Erfahrung weiß der Allgemeinmediziner Schwantes allerdings, daß eine solche Fähigkeit nicht jedem Arzt in die Wiege gelegt wurde. Deshalb gebe es seit Jahren Pflichtseminare an den medizinischen Fakultäten. Da diese jedoch nicht ausreichten, fordert er: „Es muß eine Gesprächsausbildung geben, die auf das Wunschfach des Arztes zugeschnitten ist“ und begründet dies auch überzeugend: “Der Onkologe wird anders mit seinen Patienten umgehen müssen als ein Orthopäde“.

Erschwerend hinzu käme der Faktor Zeitmangel. Der Vizepräsident der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Andreas Botzlar, findet hierzu klare Worte: Wenn ein Arzt gezwungen werde, schneller zu werden, könne er die Behandlung nicht abkürzen, aber kürzer mit dem Patienten reden. Und auch der Chef des Marburger Bundes Rudolf Henke ermahnte auf dem Ärztetag seine Kollegen: „Zentral ist, daß wir Ärzte uns als Menschen nicht ersetzen lassen dürfen durch eine immer technisiertere und spezialisiertere Medizin.”

Es geht also nichts über eine gute Kommunikation zwischen Arzt und Patient – im übrigen eine sog. Win-Win-Situation für beide Seiten: denn ein glücklicher Patient sorgt auch für eine größere Zufriedenheit des Arztes. Um diese sei es – nach Ansicht zahlreicher Ärztevertreter – nämlich gar nicht so gut bestellt. Und das läge nicht nur an der hohen Arbeitsbelastung und den Zwängen einer oftmals unnötigen Bürokratie im täglichen Praxisalltag, sondern natürlich auch an falschen ökonomischen Anreizen:

Gespräche mit dem Patienten würden nicht so gut honoriert wie technische Untersuchungen.

Gut zu kommunizieren könne man genauso lernen wie gut zu operieren, resümierte Prof. Schwantes.

Daß das Thema „Kommunikation“ schon vor mehr als 150 Jahren den praktizierenden Arzt beschäftigt habe, beweise sogar ein Schlüsselsatz in der Gründungsschrift der „American Medical Association“ von 1847: „Das Leben eines Patienten kann nicht nur durch die Handlungen eines Arztes verkürzt werden, sondern auch durch seine Worte oder sein Verhalten“.

Weniger als acht Minuten dauert das durchschnittliche Gespräch zwischen Arzt und Patient in deutschen Praxen!

Die Folgen bestätigt eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag der TK (Techniker Krankenkasse): nur gut jeder dritte Deutsche fühlt sich von seinem Arzt angemessen über Chancen, Risiken oder Behandlungsalternativen aufgeklärt. Nicht selten bleiben nach Untersuchungen viele Fragen offen, vielfach versteht der Patient noch nicht einmal die Diagnose richtig. Das ist der Gesundheit bzw. dem Heilungsprozess von Krankheiten selten förderlich. Dabei ist längst bewiesen: die Komplianz eines Patienten wirkt sich positiv auf dessen zügige Gesundung aus. Gemeint ist damit das kooperative Mitmachen des Patienten und das Befolgen der ärztlichen Ratschläge.

Fehlt den Ärzten heutzutage die Zeit oder gar das Knowhow für ein qualifiziertes Patientengespräch? Die MEDIZIN COMPACT-Redaktion ging auf Spurensuche.

Keine Sprechstunde für Dr. Kauderwelsch

Nahezu täglich stolpern wir über medizinische Sprachbarrieren: egal, ob in der Arztpraxis, in der Klinik oder im Internet. Deshalb ermutigt auch die UPD (Unabhängige Patientenberatung Deutschland) Patienten unermüdlich, immer sofort nachzufragen, wenn diese im Arztgespräch etwas nicht verstehen. Aber viele trauen sich dann doch nicht. Aus Angst, dumm dazustehen. Jeder vierte Patient hat Probleme, seinen Arzt zu verstehen oder hat Schwierigkeiten in der Umsetzung der Arztinformationen – das behauptete bereits im vorigen Jahr eine Studie des wissenschaftlichen Instituts der Krankenkasse AOK.

Tatsächlich gibt es in der Medizin historisch bedingt eine Vielzahl an Begriffen, die ihren Ursprung in der Frühgeschichte der medizinischen und pharmazeutischen Forschung in Griechenland und im alten Rom finden. So besteht die medizinische Fachsprache aus 200.000 Begriffen, welche jedoch aus einer relativ überschaubaren Anzahl von Grundelementen zusammengesetzt ist.


MEDIZIN COMPACT hat für Sie die wichtigsten Vor- und Nachsilben mit einigen Begriffsbeispielen zusammengestellt:

Beispiel für hyper- : Hypertonie = Bluthochdruck

Beispiel für hypo- : Hypoglykämie = Unterzuckerung (zu wenig Glucose im Blut)

Beispiel für poly- : Polyarthritis = Rheuma(Entzündung mehrerer Gelenke)

Beispiel für -ose : Arthrose = Gelenkverschleiß

Beispiele für – itis : Hepatitis = Leberentzündung /// Rhinitis = Nasenentzündung (Schnupfen)

Beispiel für -rhoe : Diarrhoe = Durchfall

  • Vorsilben :
    auto – selbst
    dia – durch, hindurch, auseinander, zwischen-
    dis – auseinander, zwischen, hinweg-
    dys – Störung eines Zustandes, schlecht- hyper- über, zu viel
    hypo – unter, zu wenig
    intra – innerhalb
    iso – gleich
    para – neben, beideseits, bei, hin, außer, gegen
    post – nach (örtlich undzeitlich)
    pro-, prae-, prä-, – vor
    supra –  über, oberhalb von
    syn -, sym-, – zusammen
    tachy – schnell
    ultra –  darüber hinaus, jenseits
  • Nachsilben
    aemie – Blut, im Blut
    algie/-algesie – Schmerz
    card,-kard – Herz
    itis – Entzündung
    logie – Lehre
    lyse – Auflösung, Lösung
    ose – Veränderung eines Organs, oft degenerativ
    penie – Mangel an, Armut, zu wenig
    phobie – Furcht, Angst
    – plasie – Vermehrung der Zellen
    – plegie – Lähmung
    – rhoe  – Fließen
    skopie – sehen, betrachten
    tomie – Schnitt, schneiden

Schluß mit Mediziner-Latein!

Drei junge Dresdner hatten im Januar 2011 eine zündende Idee: sie riefen das Internet-Portal „Was hab’ ich?“ ins Leben. Die Konzeptidee: medizinische Begriffe werden in eine für Laien leicht verständliche Sprache übersetzt. Dazu laden die Nutzer unter www.washabich.de ihren medizinischen Befund anonym hoch oder senden ihn per Fax ein. Die Übersetzung wird innerhalb weniger Tage von einem Team aus Medizinstudenten höherer Semester erstellt. Bei komplexen Befunden stehen den Studenten ein Ärzteteam sowie zwei Psychologen beratend zur Seite.

Der Patient kann die Übersetzung anschließend passwortgeschützt online abrufen. So können Patienten den ärztlichen Befund und die sich daraus ergebenden möglichen Folgen besser einschätzen. Die Mediziner arbeiten ehrenamtlich für „Was hab‘ ich?“ und bereiten sich damit engagiert und praxisnah auf ihr Berufsleben vor. Die Bearbeitung realer Patientenfälle führt dazu, daß Studenten sich immer wieder neues medizinisches Fachwissen aneignen und gleichzeitig lernen, komplexe Medizin patientengerecht zu erklären. Als Arbeitsumgebung dient den Medizinstudenten und Ärzten eine selbst entwickelte, von außen nicht zugängliche virtuelle Plattform. Dieses interne Medizinernetzwerk stellt die Steuerzentrale von „Was hab‘ ich?“ dar und bietet neben den Übersetzungswerkzeugen Möglichkeiten zur Diskussion sowie zum fachlichen Austausch.

Unser gemeinsames Ziel ist es, die Kommunikation zwischen Arzt und Patient zu verbessern. Mit dem Befunddolmetscher erhalten Patienten schnell leicht verständliche Informationen, die ihnen dabei helfen, sich besser auf das Gespräch mit ihrem Arzt vorzubereiten“, erklärt Anja Bittner, Geschäftsführerin und Mitgründerin von „Was hab‘ ich?“. Seit Portaleröffnung wurden mehr als 20.000 „Übersetzungen“ bearbeitet, pro Woche bis zu 150 medizinische Dokumente beantwortet. Das „Übersetzungs“-Team besteht aus 1.278 Medizinern aus41 Falkultäten.

So klappt’s auch mit dem Arztgespräch!

Der Arzt ist Ihr Partner. Die besten Ergebnisse für Ihre Gesundheit erzielen Sie nur dann, wenn Sie beide gut zusammenarbeiten. Eine optimale Vorbereitung auf den Arzttermin ist für jede medizinische Behandlung von Vorteil. Es kann hilfreich sein, sich die wichtigsten Fragen vorher auf einem Zettel zu notieren. In jedem Fall ist eine Frage im Vorfeld entscheidend: Was ist das Ziel Ihres Arztbesuchs? Handelt es sich um akute Beschwerden, die Sie abklären lassen wollen, möchten Sie eine Vorsorgeuntersuchung vornehmen lassen oder benötigen Sie lediglich ein neues Rezept? Je klarer Sie Ihre Beschwerden beschreiben, umso intensiver kann sich Ihr Arzt auf Sie einstellen.

Auch Ihre eigene Deutung der möglichen Ursachen Ihrer Krankheit sowie nebensächlich erscheinende Begleitsymptome zu den beschriebenen Beschwerden können für den Arzt von Interesse sein. Sollte es sich bei Ihrem Besuch um einen erstmaligen Arztkontakt handeln, ist es besonders wichtig, alle früheren Erkrankungen aufzulisten, insbesondere Eingriffe und Unfälle innerhalb der letzten 10 Jahre, aber auch eventuel-le Allergien und Unverträglichkeiten. Ebenfalls hilfreich kann die Vorlage von Krankenhausberichten, Röntgenbefunden oder Impfausweis sein.

Ein Zettel mit handschriftliche Notizen ist auch deshalb hilfreich, weil Sie auf diese Weise während des Gesprächsverlaufs den roten Faden im Blick behalten und so die Zeit mit dem Arzt effektiv nutzen können. Es ist ratsam, den Arzt zu Beginn des Gesprächs darauf hinzuweisen, daß Sie einige Fragen zusammengestellt haben. Besprechen Sie daher mit ihm, zu welchem Zeitpunkt Ihres Besuchs Sie Ihre Fragen loswerden können, beispielsweise: Ich habe einige Fragen an Sie, die mir persönlich wichtig sind. Wann können wir diese am besten besprechen?“

Nehmen Sie eine Vertrauensperson zum Arzttermin mit!

Diese Person kann Ihnen zum einen Sicherheit geben, zum anderen aber auch Notizen während des Gesprächs machen, sodaß Sie sich selbst voll und ganz auf das Gesagte des Arztes konzentrieren können. Später können Sie im Gespräch mit Ihrer Vertrauensperson herausfinden, ob Sie die Informationen aus dem Arztbesuch gleich verstanden haben – das beugt Missverständnissen zwischen Ihnen und Ihrem Arzt vor.

¢ Weitere Infos unter:

www.washabich.de

www.patienten-universitaet.de

www.patientenberatung.de

Mitgefühl ist gut für die Gesundheit!

Prof. Robert Jütte, Vorstand des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer, befasst sich intensiv mit dem sog. „Placebo-Effekt“ beim Patientengespräch. MEDIZIN COMPACT fragte nach: Wie wichtig ist das Patientengespräch tatsächlich für eine Genesung?

Prof. Robert Jütte: Sehr wichtig! Untersuchungen haben gezeigt, daß die Art und Weise, wie ein Arzt oder eine Ärztin mit einem Patienten spricht, Einfluss auf den Behandlungserfolg hat. Es kommt vor allem darauf an, die berechtigten und unberechtigten Ängste des Kranken, etwa vor Krebs, ernst zu nehmen und in einem ausführlichen Gespräch darauf einzugehen.

MC: Was ist der Hintergrund dieser Erkenntnis?

Prof. R.J.: Ein grundlegender Mechanismus ist die Empathie, die nicht mit der Sympathie verwechselt werden darf. Für den Therapeuten kommt es entscheidend darauf an, die Situation, die Perspektive und die Gefühle des Patienten sowie die Bedeutungen, die damit verknüpft sind, nachzuempfinden. Ein rein rationales Verständnis allein reicht nicht aus. Er muss dieses Verstehen auch mitteilen können, um dann auf der Basis dieses Mitempfindens dem Patienten helfen zu können.Doch nicht nur das Gespräch, auch beispielsweise die Gestik eines Arztes kann zu mehr Zufriedenheit des Patienten führen. Das verbessert nicht nur die Arzt-Patient-Beziehung, sondern trägt auch zur sorgfältigeren Befolgung therapeutischer Anweisungen und damit zum Heilerfolg bei. Für den Aufbau einer tragfähigen Arzt-Patienten-Beziehung ist auch deshalb die körperliche Untersuchung von Bedeutung.

MC: Ärzte beschweren sich oft darüber, daß sie sich ein ausführliches Gespräch mit Patienten gar nicht mehr leisten können. Stimmt das?

Prof. R.J.: Die gegenwärtigen Bedingungen in unserem Gesundheitswesen sind nicht ideal. Die „Sprechende Medizin“ wird immer gefordert, aber in der Umsetzung tun sich die Gesundheitspolitiker schwer. Die Arzneimittelindustrie ist sicherlich nicht daran interessiert, daß weniger Medikamente verschrieben werden.Denn durch die Nutzung des positiven Effekts, den eine intakte Arzt-Patient-Beziehung haben kann, lassen sich zweifellos Kosten im Gesundheitswesen einsparen. Hier müsste also politischer Druck ausgeübt werden, was angesichts des Lobbyismus, der in diesem Sektor herrscht, nicht gerade einfach ist. Zum anderen müsste das Honorarsystem für gesetzlich Versicherte transparenter gemacht werden. Für Privatpatienten gibt es in der Gebührenordnung dagegen eine eigene Abrechnungsziffer für Beratung.

(Fotos: WavebreakMediaMicro, fotolia.de; Griebel / helliwood.de)