Mario Adorf - Kosmopolit und  „Genießer des Jahres 2013“   (Busche-Verlag/ Schlemmer Atlas)

Mario Adorf – Kosmopolit und „Genießer des Jahres 2013“ (Busche-Verlag/ Schlemmer Atlas)

 

„Qualität setzt sich durch“. Auf wohl kaum einen anderen deutschen Film- und Theaterschauspieler passt dieses Bertholt Brecht-Zitat so gut wie auf Mario Adorf. Egal, ob Schurke, Vaterfigur, Geschäftsmann oder Serienmörder – der beliebteste Schauspieler Deutschlands* begeistert seit mehr als 60 Jahren in rund 200 Film- und Fernsehrollen sein Publikum.

Die Liste der Regisseure, mit denen er Filme gedreht hat, liest sich wie ein Auszug aus der Hitliste des Weltkinos: Sam Peckinpah, Edgar Reitz, Billy Wilder, Volker Schlöndorff, Rainer Werner Fassbinder, Helmut Dietl, Claude Chabrol und Sergio Corbucci, einer der Väter des Italo-Western.

Wie stellte eine ARD-Reportage anlässlich seines erst kürzlich gefeierten 85. Geburtstags so treffend fest? Es waren die Schurkenrollen, die Mario Adorf berühmt gemacht haben. Aber eigentlich wollte er Komödiant werden …

Doch nicht nur als Schauspieler überzeugt der gebürtige Schweizer vollends, sondern auch als Chansonnier, Entertainer und Schriftsteller. Darüber hinaus gilt er als exzellenter Handwerker und Sprachgenie – seiner Meinung nach übrigens allesamt Fähigkeiten, die zum Handwerkzeug eines Schauspielers gehören.

MEDZIN COMPACT-Chefredakteurin Petra Gessinger unterhielt sich mit dem vielbeschäftigten Schauspieler, der zum Glück seines Publikums noch lange nicht an „Ruhestand“ denkt, sondern jeden Tag aufs Neue glücklich darüber ist, daß er noch geistig und körperlich dazu in der Lage ist und vor allem Spaß an seiner Arbeit hat.

Mario Adorf on tour: aber er liest nicht nur aus seinem neuesten Buch „Schauen Sie mal böse“ vor ... „Er gestikuliert, singt, rezitiert und schauspielert Stationen seiner Karriere nach...“ so die begeisterten Pressestimmen. - (Rechte: picture alliance / dpa, Urheber: Wolfgang Kumm)

Mario Adorf on tour: aber er liest nicht nur aus seinem neuesten Buch „Schauen Sie mal böse“ vor … „Er gestikuliert, singt, rezitiert und schauspielert Stationen seiner Karriere nach…“ so die begeisterten Pressestimmen. (Rechte: picture alliance / dpa, Urheber: Wolfgang Kumm)

MC: Herr Adorf, Sie haben auch ein bißchen Werbegeschichte geschrieben. Denn wer kennt nicht den TV-Spot eines deutschen Versicherungskonzerns, in welchem Sie im offenen Cabrio sitzend genüsslich Rotwein trinken und gleichzeitig auf einem Handy telefonieren? Erst beim Zurückfahren der Kamera erkennt der Zuschauer, daß das Cabrio auf einem Abschleppwagen steht … Wie handhaben Sie persönlich das Thema „Vorsorge“? Welche Bedeutung hat in Ihrem Leben bislang „Sicherheit“?

Mario Adorf.: Das normale Streben des Menschen nach Sicherheit ist beim Künstler allein schon durch die Wahl seines naturgemäß unsicheren Berufs beeinträchtigt durch eine für ihn bezeichnende und notwendige Risikobereitschaft, das heißt also ein gewisser Verzicht auf Sicherheit. Dafür gewinnt er eine größere Freiheit, ist allerdings abhängiger vom Gelingen seiner Pläne, von Erfolg und vom Glück. Das Risiko könnte bedeuten: Misserfolg und Existenzängste.

MC: Wie halten Sie es mit regelmäßigen Checks beim Arzt, also mit den klassischen Vorsorgeuntersuchungen?

M.A.: Ich mache meine jährlichen ärztlichen Check-ups, bin aber skeptisch, was Vorsorgeuntersuchungen betrifft, d.h. ich gehe nicht auf die Suche nach möglichen gesundheitlichen Risiken, ohne daß ich die geringsten Anzeichen bei mir spüre. Ich beobachte mich genau, lebe und ernähre mich vernünftig. 

MC: Vor welcher Erkrankung haben Sie den meisten Respekt?

M. A.: Wenn Sie mit Respekt Ängste oder Befürchtungen meinen, so würde ich am meisten eine Beeinträchtigung meiner geistigen Fähigkeiten fürchten. Erst dann käme die erschreckende Vorstellung, das Augenlicht oder die körperliche Bewegungsfähigkeit zu verlieren. Ich möchte kein Pflegefall werden. Das Schlimmste ist natürlich die Vorstellung einer sehr schmerzhaften Krankheit und eines qualvollen Sterbens.

MC: Nicht nur für eine Versicherung, auch für einen Hörgeräte-Hersteller traten Sie vor Jahren als Markenbotschafter auf. In einem TV-Spot, der übrigens aus Ihrer eigenen Feder stammte, ermutigten Sie die Zuschauer, ihr Gehör regelmäßig prüfen zu lassen. Wann werden Sie hellhörig, in welchen Situationen hören Sie persönlich ganz genau hin? 

M. A.: Wegsehen oder Weghören bei schwierigen Themen kam für mich nie in Frage. Ich bin schon durch meinen Beruf als Schauspieler ein leidenschaftlicher Beobachter auch der heikelsten Situationen des Lebens. Dazu gehört auch die Beschäftigung mit dem Tod.

MC: Unumstrittener Kult ist bis heute Ihre Rolle als Provinzfabrikant Heini Haffenloher in „Kir Royal“ (1986), der um jeden Preis zur sog. Münchner Schickeria gehören will und den Klatschreporter Baby Schimmerlos anschnauzt: „Ich scheiß Dich so wat von zu mit meinem Jeld“. Viele Jahre später ermahnen Sie den TV-Zuschauer in Werbespots mit dem Claim „Mit Geld spielt man nicht“. Wie gehen Sie selbst mit Geld um bzw. welche Bedeutung hat es in Ihrem Leben früher und heute eingenommen?

M. A.: Geld spielte in meinem Leben nie die entscheidende Rolle. Obwohl ich in einer armen Zeit, der Kriegs- und Nachkriegszeit, aufgewachsen bin, hat bei Hunger, Angst und Armut jener Jahre das Geld für mich nie das Wichtigste bedeutet. Geld ist für mich kein eigenständiger Wert, den man vermehren muß, sondern ein Mittel, mir ein möglichst sorgloses Leben zu ermöglichen. Das heißt aber auch meine künstlerische Arbeit
und der qualitative Anspruch mußten bei mir immer vor dem Wunsch nach finanziellem Gewinn rangieren.

MC: In den letzten 50 Jahren waren Sie in nahezu jeder Rolle zuhause. In welcher Rolle fühlt sich der private Mario Adorf am wohlsten?

M. A.: Selbst in arbeitsfreien Zeiten kann ich Nichtstun nur kurz genießen und bleibe der immer mit Tätigkeiten wie Lesen oder Schreiben beschäftigte, den Beruf nie ablegen könnende Schauspieler

MC: Welche Präsenz bereitet Ihnen mehr Freude/ Erfüllung: im Film oder auf der Bühne – und weshalb?

M. A.: Das ist immer noch die Bühne, weil der Film letztlich das Herstellen einer Konserve ist, während auf der Bühne sozusagen frisch gekocht und gegessen wird. 

MC: Die Liste der Würdigung Ihrer schauspielerischen Leistungen ist lang. Sie wurden mit vielen renommierten, deutschen Filmpreisen geehrt, u. a. mit dem „Adolf-Grimme-Preis“, dem „Bambi“, der „Goldenen Kamera“ und dem „Deutschen Filmpreis“. Für Ihr künstlerisches und literarisches Schaffen in Frankreich und in der Welt wurde Ihnen sogar der französische Ritterorden verliehen. Welche Auszeichnung bedeutet Ihnen mit am meisten?

M. A.: Alle Auszeichnungen sehe ich nicht als erstrebtes Ziel meiner Arbeit, sondern sind, wie auch der Applaus, schöne Zugaben, bereiten Freude und Befriedigung, bedeuten aber nicht mehr als so etwas wie das Sahnehäubchen auf der Torte oder das Tätscheln auf den Hals des Pferdes nach einem gelungenen Parcours. 

MC: Erst vor zwei Jahren wurden Sie zum „Genießer des Jahres“ gewählt. Bitte verraten Sie uns, wann und was Sie besonders genießen …

M.A.: Ich bin ein treuer Anhänger der italienischen Küche, und dazu gehört ab und zu ein Glas guten Rotweins.

Seit fast einem halben Jahrhundert unzertrennlich, seit 30 Jahren verheiratet: Mario Adorf + Monique Faye. Ihr gemeinsames Erfolgsgeheimnis: „Krisen gemeinsam überwinden und sich nicht gleich scheiden lassen; Streit immer vor dem Einschlafen versöhnlich beilegen; lernen, gemeinsam alt zu werden und vor allem nicht zu vergessen gemeinsam lachen zu können.“ (Rechte:picture alliance / dpa, Urheber: Volker Dornberger)

Seit fast einem halben Jahrhundert unzertrennlich, seit 30 Jahren verheiratet: Mario Adorf + Monique Faye. Ihr gemeinsames Erfolgsgeheimnis: „Krisen gemeinsam überwinden und sich nicht gleich scheiden lassen; Streit immer vor dem Einschlafen versöhnlich beilegen; lernen, gemeinsam alt zu werden und vor allem nicht zu vergessen gemeinsam lachen zu können.“ (Rechte:picture alliance / dpa, Urheber: Volker Dornberger)

MC: Vor wenigen Wochen (Anm. d. Red.: am 08.09.) feierten Sie Ihren 85. Geburtstag. Was ist einer Ihrer ersten Gedanken, wenn Sie morgens aufstehen?

M. A.  Eigentlich müsste ich jeden Morgen als Erstes dem lieben Gott danken für jeden Tag, den er mir schenkt. Das vergesse ich oft und denke vielmehr: Was hatte ich mir noch vor dem Einschlafen für heute vorgenommen? Was darf ich heute nicht zu erledigen vergessen?

MC: Im Fernsehfilm „Altersglühen“ (Anm. d. Red.: Erstausstrahlung ARD am 12.11.2014) sind Sie einer von 13 älteren Herrschaften, die in einem „Speed Dating“ für Senioren Kontakt zueinander suchen. Es geht allesamt um Menschen, die schon vieles in ihrem Leben erlebt haben und deshalb stark geprägt sind von Hoffnung, ihren persönlichen Wünschen, aber auch von Konflikten und Problemen. Wie gehen Sie persönlich mit Konflikten um? 

M. A.: Das Lösbare gelassen lösen.

MC: Unter Hochdruck forscht die Wissenschaft nach einem Medikament gegen Demenz. Man weiß aber bereits, daß der Lebensstil eine bedeutsame Rolle spielt, wenn es um den Erhalt von gesunden Gehirnzellen geht. Wie halten Sie sich geistig fit?

M. A.: In ständiger geistiger Übung bleiben. Das heißt bei mir lesen, Texte memorieren, das Gedächtnis durch Auswendiglernen trainieren.

MC: Früher haben Sie geboxt. Was tun Sie heute für Ihre körperliche Fitness?

M. A.: Schwimmen, leichte Gymnastik, gehen, aber nicht joggen.

MC: In Ihren Adern fließt deutsch-italienisches Blut. Kennen Sie Ihre eigene Blutgruppe? 

M. A.: Nein. Liegt aber in meiner Brieftasche neben dem Führerschein. Man weiß ja nie…

MC: Ab sofort gehen Sie wieder auf große Lesereise: 14 Termine führen Sie quer durch Deutschland und Österreich (siehe INFO-Box „Mario Adorf wieder on tour!“). Ihren Fans wird aber weit mehr als nur eine Buchlesung geboten … eher „Action pur“ und Höchstleistung auf der Bühne. Wie schützen Sie sich vor körperlicher Überlastung?

M. A.: Mit den Kräften etwas haushalten. Sich nicht überschätzen. 

* Laut Umfrage von „Bild am Sonntag“ mit dem Meinungsforschungsinstitut YouGov

Mario Adorf wieder on tour!

In ausgewählten Theatern in Deutschland und Österreich präsentiert er ein weiteres Mal sein Programm „Schauen Sie mal böse!“ Mit seiner Rückkehr auf die Bühne machte Mario Adorf im Frühjahr die Überraschung perfekt. Das Publikum konnte sich über ein ganz besonderes Erlebnis freuen. Mit „Schauen Sie mal böse!“ entführt Mario Adorf die Zuschauer in die Welt des Films und des Theaters, liest und erzählt die schönsten Geschichten aus seinem Schauspielerleben.

Mario Adorf - Busche-Verlag/ Schlemmer Atlas; Rechte: picture alliance / dpa, Urheber: Wolfgang Kumm

Mario Adorf:
„Schauen Sie mal böse – Geschichten aus meinem Schauspielerleben“ Kiepenheuer&Witsch Verlag ISBN: 978-3-462-04827-8

Am 15. August erschien sein neues Buch mit dem gleichnamigen Titel „Schauen Sie mal böse !“

Termine:

Mo. 19.10.15 Erlangen, Markgrafentheater 19:30 Uhr

Di. 20.10.15 Dresden, Boulevardtheater 19:30 Uhr 

Mi. 21.10.15 Dresden, Boulevardtheater 19:30 Uhr 

Do. 22.10.15 Leipzig, Haus Leipzig 20:00 Uhr

Sa. 24.10.15 Frankfurt, Mozartsaal 19:00 Uhr

So. 25.10.15 Düsseldorf, Schauspielhaus 18:00 Uhr

Mo. 26.10.15 Stuttgart, Mozartsaal 19:30 Uhr

Do. 29.10.15 Köln, Tanzbrunnen 20:00 Uhr

Fr. 30.10.15 Bochum, Schauspielhaus 20:00 Uhr

Sa. 31.10.15 Karlsruhe, Konzerthaus 20:00 Uhr

Mo. 02.11.15 Wien, Mozartsaal 19:30 Uhr

Di. 03.11.15 Wien, Mozartsaal 19:30 Uhr

Fr. 27.11.15 Hamburg, St. Pauli Theater 20:00 Uhr

Sa. 28.11.15 Hamburg, St. Pauli Theater 20:00 Uhr

So. 29.11.15 Hamburg, St. Pauli Theater 18:00 Uhr