Iris Berben

Sie zählt zu den beliebtesten und größten weiblichen Filmstars in Deutschland. Auf 45 Jahre künstlerisches Engagement blickt die bald 65 Lenze zählende Schauspielerin zurück. Ein Erfolg, der Iris Berben nicht in den Schoß fiel, sondern für den sie hart gearbeitet hat. Nach Abbruch der Schule wurde die gebürtige Detmolderin im Umfeld der Hamburger Kunsthochschule entdeckt. 1968 feierte sie ihr Kinodebüt, in den 80-er Jahren erlangte sie im Fernsehen erstmalig große Popularität mit „Sketchup“ (Anm. Red.: deutsche TV-Comedyserie, 1984 bis 1986, mit einem Marktanteil von mehr als 40 Prozent), danach in „Das Erbe der Guldenburgs“ (1987 bis 1990), eine der erfolgreichsten deutschen Fernsehserien überhaupt. Anerkennung als großartige Schauspielerin erfuhr Iris Berben in ihrer Rolle als Kommissarin Rosa Roth (ZDF-Krimiserie, 1994 bis 2013) sowie u. a. in Mehrteilern wie „Die Patriarchin“ oder als Konsulin Buddenbrook in „Die Buddenbrocks“ und Bertha Krupp in „Krupp – eine deutsche Familie“.

Als Trägerin des Bundesverdienstkreuzes und selbst mit den wichtigsten Auszeichnungen im Filmbusiness preisgekrönt engagiert sich die „schöne Grande Dame des deutschen Fernsehens“ – so 2012 in einem Interview der FAZ tituliert – seit 2010 als Präsidentin der Deutschen Filmakademie leidenschaftlich für den Filmstandort Deutschland. Parallel dazu setzt sie sich aktiv gegen Fremdenhass und Antisemitismus ein.

Treffpunkt Hotel de Rome in Berlin: MEDIZIN COMPACT-Chefredakteurin Petra Gessinger sitzt Deutschlands derzeit wohl gefragtester Charakterdarstellerin Iris Berben gegenüber. Der erste Eindruck einer eher zart und mädchenhaft wirkenden Erscheinung kehrt sich bereits nach wenigen Minuten ins Gegenteil. Iris Berben repräsentiert authentisch die echte Powerfrau: mit viel Charisma, blitzenden Augen und temperamentvoller Gestik beim Reden – und mit Nachdruck in ihrer Stimme, wenn es ihr um persönlich wichtige Themen geht.

MC: Frau Berben, für viele sind Sie die „Traumfrau“ schlechthin: Schön, beruflich erfolgreich und mit ganzem Herzen für soziale Belange in unserer Gesellschaft engagiert. Daß ein attraktives und gepflegtes Äußeres ein praktischer „Türöffner“ sein kann, wissen wir alle. Welche inneren Werte sind für Sie persönlich von Bedeutung?

Iris Berben: Für mich ist sowohl eine Traumfrau oder ein Traummann jemand, der eine eigene Persönlichkeit hat, mit Ecken und Kanten, und ganz wichtig: der sich so mag, wie er ist! Ganz sicher definiert sich für mich eine „Traumfrau“ nicht über Bauch, Brust, Po – es hat vielmehr etwas mit dem Wesen zu tun. Dies setzt allerdings voraus, sich selbst gut zu kennen. Dazu muß man sich mit sich selbst beschäftigen. Aber nicht im Sinne eines Versuchs, wie ein Bild zu sein, das andere vorgeben, sondern ein Bild, das man gerne selbst von sich haben möchte. Dazu gehört die Selbsterkenntnis und Fragen „Wo stehe ich?“, „Gibt es etwas, was mich womöglich verunsichert?“ oder „Gibt es etwas, wo ich vielleicht sogar arrogant bin … kann ich mir das leisten oder nicht?“ Ungeduld ist, finde ich, übrigens keine negative Eigenschaft. Denn Ungeduld ist ein ganz toller Motor – zumindest für mich! Innere Werte sind für mich, die Antwort zu haben, was man selbst ist, und das dann anzuerkennen und in Liebe anzunehmen. Das ist die Basis, die man haben muß. Kann man sich überhaupt selbst leiden? Ich frage Sie zurück: „Wenn Du Dich selbst nicht magst, wie kannst Du annehmen, daß andere Dich mögen?“

MC: Sie sprechen von einem Selbstfindungsprozess? Das kann aber sehr anstrengend oder gar schmerzhaft sein…

IB: Absolut. Das gehört dazu. Ich möchte immer die Freiheit haben, nach wie vor Fehler machen zu dürfen! Das Leben ist für mich ein fließender Prozess. Ich möchte unberechenbar bleiben, für mich und für andere … möchte nicht alles in meinem Leben bereits abgeklärt haben. Ich möchte auch nicht festgetackert sein oder in eine Schublade gesteckt werden. Früher, als ich noch jung war, wollte auch ich anderen nacheifern, ich hatte Vorbilder … Heute weiß ich, wer ich bin. Und glauben Sie mir: Ich bin mit mir selbst gut befreundet!

MC: In Ihrem TV-Spielfilm „Meine Familie bringt mich um“ aus dem Jahr 2011 vermitteln Sie in Ihrer Hauptrolle Helen auf sehr ergreifende Weise den schweren Konflikt zwischen pubertären Kindern, Wechseljahren und einer pflegebedürftigen Mutter – also die typischen Sorgen der sog. „Sandwich“-Generation. Was sind Ihre Gedanken zum Thema „Demenz“?

IB: Ich glaube, daß man bis zu einem gewissen Alter solche Krankheiten eher von sich weist. Das ist auch gut und richtig so. Wenn wir jung sind, fühlen wir uns stark und unsterblich! Deshalb sollte man diese Zeit auch auskosten dürfen und in jungen Jahren nicht ständig zur Rechenschaft gezogen werden. Wir entwickeln uns schon in die richtige Richtung. Schmerzhafte Erfahrungen gehören eben auch dazu, die machen wir alle. Und irgendwann kommt dann sicherlich auch die Demut. Ach, welch ein großes Wort … Ich werde dieses Jahr 65. Ich weiß, das ist das letzte Viertel oder Drittel meines Lebens – völlig egal, wie Du Dein Leben einteilst. Aber ich weiß zugleich auch: es gibt sehr viele Menschen, die dieses Alter gar nicht erreicht haben oder erkrankt sind oder sogar seit ihrer Jugend an einer schweren Erkrankung leiden. Wir lernen mit Gesundheit anders umzugehen,
je älter wir werden. Deshalb ist ab einem gewissen Alter erst recht nicht mehr alles selbstverständlich. Umso wichtiger finde ich es deshalb, daß wir uns auch um die Belange von anderen kümmern sollten. Wir sollten uns mehr darin üben, Empathie für andere Menschen zu entwickeln, offen zu sein für andere.

MC: Sie meinen Mitgefühl …

IB: Genau! Ich habe schon immer mit großem Respekt auf alte Menschen geschaut. Vielleicht auch, weil ich wunderbare Großeltern hatte. Man darf niemanden ausgrenzen, vor allem nicht alte oder schwache Menschen! Man muß versuchen, einen respektvollen und liebevollen Umgang zu üben. Ich hatte auch immer gedacht, daß es möglich sein müsste, ein familien-orientiertes, generationsübergreifendes Konzept zu leben. Leider bröckelt das sogar in südländischen Ländern immer mehr… Nehmen wir z. B. den langen Küchentisch, das gemeinsame Essen… Ich halte das für ein wichtiges Ritual, um auch die unterschiedlichen Generationen an einen Tisch zu bringen. Vor allem, um miteinander zu reden. Wir erkennen zugleich, daß das alles Träume sind, die wir häufig gar nicht mehr leben können.

MC: Welche Erkrankung flößt Ihnen ganz besonderen Respekt ein?

IB: Jede Krankheit, die einen absolut abhängig macht von anderen Menschen. Ich habe einen großen Respekt vor Menschen, die pflegen. Pflege kostet Kraft, Zeit und Nerven, die Dir ein anderer Mensch zu schenken bereit sein muß. Noch immer sind überwiegend Frauen in den pflegenden Berufen tätig. Und welch ein Glück, daß auch viele Frauen aus osteuropäischen Ländern bereit sind, bei uns als Pflegepersonal zu arbeiten. Mein persönlicher Eindruck ist, daß es bei uns in Deutschland nicht mehr sonderlich populär ist, einen Pflegeberuf zu erlernen. Ich habe das Gefühl, daß in unserer Gesellschaft die Bereitschaft abnimmt, andere zu pflegen. Sicherlich auch deshalb, weil dieser Beruf weitgehend schlecht bezahlt wird.

MC: Wie ernst nehmen Sie das Thema „Vorsorge“, gehen Sie regelmäßig zum Check-up?

IB: Ja, denn ich will ja unsterblich sein (ausgelassenes Lachen). Dafür muß ich natürlich regelmäßig in die Werkstatt! (Erneutes Lachen) Ich habe das Glück, daß ich zu allen Ärzten, zu denen ich gehe, ein intensives und sehr vertrauensvolles Verhältnis pflege. Ich möchte allerdings auch, daß sich ein Arzt Zeit für mich nimmt. Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen sind für mich ein festes Ritual, das zu meinem Leben gehört. Die medizinische Heilkunst ist für mich ein wunderbarer Beruf. Menschen, die sich täglich damit beschäftigen, daß andere Menschen wieder gesund werden … die Dir Unterstützung und Hilfestellung geben, wie Du gesund leben kannst. Welch’ ein schöner Beruf! Und – ich bin natürlich auch ein Freund aller Apotheker!

MC: Der Patient muß allerdings auch bereit sein, den Rat des Arztes umzusetzen!

IB: Das ist richtig. Auch hier ist der achtsame Umgang mit sich selbst die Voraussetzung hierfür.

MC: Womit wir wieder bei der Selbstliebe wären …

IB: Exakt! Ich sage immer: Es ist viel Arbeit zu leben. Die Konsequenz, dauerhaft etwas für die Gesundheit zu tun, ist nicht immer leicht! Gerade bei uns Schauspielern, die wir als sehr diszipliniert gelten. Da kann es schon passieren, daß wir – wenn wir gerade in einem Arbeitsprozess stecken – uns dann für kurze Zeit leider ein wenig zurückstellen. Da muß dann der kürzeste Weg genommen werden, um schnell fit zu sein. Erst, wenn der Dreh fertig ist, kümmert man sich wieder um sich selbst. Das ist in der Relation sicherlich nicht immer gut für einen, aber zugleich weiß man ja auch: da warten oft 60 bis 100 Personen in einem Team auf Dich … Teamarbeit verlangt immer Verantwortungsbewußtsein.

MC: Haben Sie schon selbst Vorsorgevollmachten erteilt – für den Fall der Fälle? Oder ist das ein Thema, das Sie gerne von sich wegschieben, denn Sie wollen ja unsterblich bleiben?

IB (zustimmendes Lachen): Ich war schon immer ein selbstbestimmter Mensch. Insofern weiß ich um die Wichtigkeit, meine Wünsche zu benennen. Es ist immer besser, man trifft rechtzeitig Vorsorge, als daß sich andere dann mit vielleicht schwierigen Entscheidungen auseinandersetzen müssen. Ich habe übrigens auch einen Organspendeausweis.

MC: Der Gesundheit förderlich ist nachweislich auch eine gute Ernährung. Zugleich existiert wohl kaum ein Thema, zu dem es derart kontroverse Ansichten gibt. Es gibt viele Philosophien hierzu und wiederkehrende Ernährungsstile, die eine bestimmte Zeit lang besonders modern sind. Im Augenblick ist veganes Essen en vogue. Was steht denn auf Ihrem Speiseplan, haben Sie bestimmte Ernährungsgewohnheiten?

IB (Mit energischer Stimme): Nein! Absolut keine! Ich esse alles, und ich habe noch nie eine Diät gemacht! Aber, ich gebe zu: ich esse weniger Fleisch. Ich war früher maßlos mit Fleisch; heute höre ich einfach auf meinen Körper! Wenn man in seinen Körper hineinhorcht und ihn gut kennt, merkst Du, daß er bestimmte Vorlieben hat. Es hat meines Erachtens auch hier wieder sehr viel damit zu tun, sich gut zu kennen. Ich bin beispielsweise jemand, der immer auf solche „Zeichen“ hört. Deshalb habe ich auch keine festen Regeln, keinen Diätplan. Ich esse das, worauf ich gerade Lust habe. Ich möchte mir auch nicht die Freiheit nehmen lassen, das zu essen, was mir persönlich schmeckt. Ich bin allerdings sehr anspruchsvoll;
ich will immer die besten Zutaten haben, im Sinne von guter Qualität. Ich selbst koche leidenschaftlich gerne, und ich weiß,
daß ich sehr gut koche. Es gibt für mich keine Ausrede, schlecht zu essen. Vor allem auch kein Argument, lieblos zu essen. Es mag vielleicht ein klein wenig aufwendiger sein, alles frisch zu kochen. Dennoch würde ich nie im Leben ein Fertiggericht kaufen.

MC: Gemüseputzen kann ja durchaus meditativ sein …

IB: Ja, eindeutig! Für mich ist Kochen vergleichbar mit einer Meditation! Ich respektiere aber, wenn Menschen das völlig anders handhaben. Allerdings glaube ich, daß die eigene Ernährungs-gewohnheit weitreichende Konsequenzen hat. Wenn man beispielsweise an sieben Tagen der Woche Fleisch auf dem Teller hat, dann sollte man sich schon fragen, woher das Fleisch kommt bzw. sich einmal über Tierhaltung Gedanken machen.

MC: Sie engagieren sich als Schauspielerin für Gehirnforschung. Das gibt allen Schubladen-Denkern wieder wunderbar Kontra. Wie kam es dazu?

IB: Die hebräische Universität in Jerusalem betreibt Gehirnforschung, die weltweit anerkannt ist. Vor 15 Jahren wurde ich dort für meine soziale Arbeit ausgezeichnet. Mit diesem Spendengeld habe ich den „Iris-Berben Fonds für Gehirnforschung“ gegründet. Ich bin überaus fasziniert von der Gehirnforschung, die sich mit Krankheiten auseinandersetzt, die in unserer Gesellschaft immer häufiger vorkommen. In Zeiten, in denen wir immer älter werden, nimmt dieser Forschungsbereich einen hohen Stellenwert ein. Nur wenn Forscher das menschliche Gehirn verstehen, können Behandlungen oder Heilungsmethoden für Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer oder Multiple Sklerose gefunden werden. Aber auch Behandlungen bzw. Lösungen für „einfache“ Störungen wie Legasthenie, Lernschwächen oder Schlafstörungen können dadurch erforscht werden.

MC: Was ist Ihrer Meinung nach das Allerwichtigste im Leben?

IB: Die Liebe! Im Grunde dreht sich doch alles darum … Wenn wir lieben oder wenn wir geliebt werden, ist einfach alles richtig im Leben!

(Foto: photo by Harald Hoffmann)