Harald Schmidt zum Titelthema 'Psychische Gesundheit' von MEDIZIN COMPACT: "Gut für die Psyche: Mehr Mut zum Müßiggang!“

„Eigentlich wäre ich gerne Priester geworden.“ Keine schlechte Vorstellung: Harald Schmidt predigt von der kirchlichen Kanzel herab auf das Haupt der zum Gebet versammelten Kirchgänger. Stattdessen: vom Kirchenmusiker zum Polit-Kabarettist, vom Solo-Künstler zum TV-Star! Völlig frei von Konfessionen ist seine heutige Kanzel ein kleiner Schreibtisch, der im gleißenden Rampenlicht der Kameras steht. Und wenn er spricht, dann ist das ein bisschen wie in der Kirche: Seine Fan-Gemeinde hängt ihm an den Lippen. Schließlich ist keiner so respekt- und tabulos wie er. Und seine Gabe, stets auf den ersten Blick den wunden Punkt eines Menschen ausfindig zu machen und diesen in eine messerscharfe Pointe zu verwandeln, garantieren Unterhaltung vom Feinsten.Sein Rüstzeug: Scharfsinn, Zynismus, Intelligenz und eine spitze Zunge.

Bald schon zwei Jahrzehnte lang stattet also ein gebürtiger Schwabe deutschen Wohnzimmern regelmäßige Nachtbesuche ab: seit 1995 abwechselnd angeliefert vom Öffentlich-Rechtlichen und dem Privatfernsehen, und seit einem Jahr exklusiv für die Abonnenten des Bezahlfernsehens Sky Deutschland.

Die „Harald Schmidt Show“ ist Kult und vielfach ausgezeichnet: dreimal mit dem Deutschen Fernsehpreis, zweimal mit dem Grimme-Preis, einmal mit dem Bayerischen Fernsehpreis und einmal mit der Goldenen Kamera. Das sollte eigentlich reichen, meint man. Tut es aber nicht.

„Dirty Harry“ fällt immer etwas Interessantes ein: Jetzt engagiert sich der Großmeister des Zynismus für Soziales!

Wie kann das zusammengehen, fragen sich seine Fans kopfschüttelnd. Ausgerechnet Schmidt, der sich bis dato in zahlreichen Kalauern über caritatives Engagement von Kollegen lustig machte? Doch – es geht! Sogar sehr gut. Denn Harald Schmidt wäre nicht Harald Schmidt, hätte er nicht ein ganz besonderes Thema ausgewählt, um seine Bekanntheit für einen guten Zweck einzusetzen: Er ist ehrenamtlicher Schirmherr der Stiftung Deutsche Depressionshilfe!

Nach der gemeinsamen Verleihung des 1. Medienpreises der Stiftung im Gewandhaus zu Leipzig freute sich MEDIZIN COMPACT über die Einladung nach Köln in die Studioräume der Bonito TV-Produktionsgesellschaft, wo Harald Schmidts Late Night-Show dreimal pro Woche aufgezeichnet wird. „Dirty Harry“ offenbarte im Gespräch mit MEDIZIN COMPACT-Chefredakteurin Petra Gessinger nicht nur sein Faible für medizinische Themen, sondern auch sein Vertrauen in die Medizin und ihre Ärzte. Er verriet sein persönliches Rezept gegen Stress und schlug dabei auch mal ungewohnt ernste Töne an.

MC: Depression – und Ihr Engagement hierzu. Wie passt das zusammen?

HS: Bei vielen ist ja die Übernahme einer Schirmherrschaft vor allem der Versuch, von einem desolaten Familienleben abzulenken – das ist ja auch immer viel Fahrerei am Heiligabend… Aber ich habe natürlich einen anderen Beweggrund:

Harald Schmidt: „Depression muss aus der Tabuzone rausgeführt werden!“

Und wenn ich aus einer gesunden Mischung aus Altruismus und Egoismus aus einem naiven Frohsinn heraus dazu ein kleinen Beitrag leisten kann, dann ist das doch eine gute Sache. Außerdem dachte ich mir, falls es mich auch mal trifft, habe ich gleich mal die Telefonnummer von einem der renommiertesten Psychotherapeuten… So lässt sich das Angenehme doch gleich mit dem Praktischen verbinden!

MC: Der Umgang mit Depression hat sich in unserer Gesellschaft gewandelt …

HS: Ja, das stimmt. Ich vergleiche das gerne mit dem Umgang mit Alkohol. Ich komme ja noch aus der Zeit, wo man beim WDR früh zwei Cognac getrunken hat gegen das fette Essen vom Griechen am Vorabend. Heute hat der WDR zwei Suchtbeauftragte. Heute sagt man nicht mehr „Mensch, was der schon vor der Konferenz weghauen kann, und um vier steht der noch wie ‘ne Eins!“ Heute heißt es: „Der ist alkoholkrank.“

MC: Eine gewisse Affinität zur Medizin lässt sich in Ihrem Leben nicht verleugnen. Bereits vor 10 Jahren warben Sie beispielsweise als Testimonial für ein großes bayerisches Pharmahaus. Was fasziniert Sie an der Medizin am meisten?

HS:  Die Tatsache, dass man nicht genau sagen kann, wodurch Heilung möglich ist. Es gibt natürlich Operationen wie den Bypass. Die sind schon recht praktisch. Aber bei uns im Großraum Eifel ist ja auch viel von Wunderheilung die Rede, von Handauflegen und Gesundbeten.

Und das haben ja auch schon viele Ärzte bestätigt: Der Glaube und die Selbstheilungskräfte des Körpers spielen eine nicht unwichtige Rolle bei der Genesung.

Grundsätzlich bin ich auch fasziniert vom Fortschritt in der Medizin. Besonders spannend sind die immer wieder neuen Erkenntnisse in der Ernährungswissenschaft – ganz unabhängig natürlich von der allseits bekannten These „Bewegung, Bewegung, Bewegung – Essen in Maßen, inklusive Reduktion des Fleischverzehrs“…

MC: Eine feine Leberkässemmel und ein kühles Weißbier sind Ihr Lieblingsessen – dies verrieten Sie mir neulich in Leipzig.

HS: Ja, das eine schließt das andere doch nicht aus! Die Betonung liegt ja auf „in Maßen“. ➜

Herr Schmidt, wie halten Sie‘s persönlich mit Vorsorge?

HS:  Ich lasse regelmäßig meine Muttermale und Zähne kontrollieren.

MC: Geworben haben Sie auch für die Darmkrebsvorsorge der Felix-Burda-Stiftung. Selbst schon eine Magen-Darm-Spiegelung gemacht?

HS:  Ja, bereits dreimal. Ist aber überhaupt nicht schlimm. Da krieg‘ ich jedesmal eine Schlafspritze und bekomme absolut nichts mit. Ich bin aber auch bei einem tollen Arzt, der nichts anderes macht. Deshalb mein Rat:

„Immer schön regelmäßig zur Vorsorge gehen, da können Sie sich viel Ärger ersparen!“

MC: Wie ist es mit Ihrem Vertrauen in die ärztliche Diagnose bestellt?

HS:  Sehr gut. Da bin ich auch nicht überkritisch, sondern ich glaube das, was mir mein Arzt sagt.

In meinen Augen ist das auch ein Teil des Heilungsprozesses – dass man sich positiv dem Arzt gegenüber verhält!

Deshalb verhalte ich mich sehr kooperativ, wenn ich mal zum Arzt muss. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die dem Arzt in sein Fachgebiet hineinreden oder ihn vorab belehren über etwas, was sie irgendwo gelesen haben. Deshalb versuche ich auch immer das umzusetzen, was mir mein Arzt empfiehlt.

MC: Wenn aber Ihr Arzt beispielsweise sagt „Herr Schmidt, Ihre Leberwerte sind miserabel, ab sofort keine Flasche Wein mehr pro Tag!“ – was dann?

HS:  Naja, da würde ich dann schon eine zweite ärztliche Meinung einholen… Aber danach würde ich mich durchaus an die Empfehlung meines Arztes halten…

MC: In Ihrem allerersten Buch im Jahr 1993 bekannten Sie erstmalig, ein „Hypochonder“ zu sein. Zwischenzeitlich ist dieser Begriff im Bezug auf Ihre Person ein wenig abgenutzt bzw. Sie negieren dies. Was ist der Grund? Ein Selbsterkennungsprozess oder einfach nur eine gewisse Sensibilität in gewissen Bereichen?

HS:  Ich sitze weder andauernd beim Arzt, noch nehme ich unglaublich viele Medikamente ein. Das ist ja das, was man landläufig einem Hypochonder nachsagt. Insofern bin ich definitiv keiner.

Aber ich interessiere mich auch als Laie sehr für medizinische Themen.

MC: Irgendwelche Erkrankungen oder körperliche Beschwerden, die Sie haben oder mal hatten, oder die Sie rückblickend sogar zu einer Lebensstilveränderung veranlassten?

HS:  Hatte ich bislang toi, toi, toi noch nicht. Gott sei Dank!

MC: Aber Migräne hatten Sie mal…

HS:  Ja, das stimmt, ist aber sicherlich schon 20 Jahre her. Irgendwann war das von heute auf morgen weg…

MC: Was haben Sie dagegen unternommen?

HS:  Ich habe jeden Tag eine Show gedreht… Das sorgt ja für eine gewisse Gleichmäßigkeit im Tagesablauf.

MC: Und was raten Sie den Migräne-Patienten, die nicht beim Fernsehen arbeiten?

HS:  Vielleicht intensiver darauf zu achten, in welchen Situationen Migräne eintritt. Darüber Tagebuch zu führen, um so der wahren Ursache auf die Spur zu kommen. Es ist ja bekannt, dass auch negativer Stress zu Kopfschmerzattacken führt. Oder übermäßiger Alkoholkonsum… Ich glaube, dass Migräne ein Symptom ist, das ähnlich der Rückenschmerzen sehr unterschiedliche Auslöser haben kann. Ich glaube auch:

Lebensumstände und unsere Psyche haben einen starken Einfluss auf unser körperliches Wohlbefinden.

Um jeden Tag eine Sendung machen zu können, bemühe ich mich beispielsweise um eine gewisse innere Ausgeglichenheit.
Ich gebe mich daher auch nicht zu starken Stimmungsschwankungen hin. Druck macht man sich auch ein Stück weit selbst.

MC: Das klingt nach Disziplin…

HS:  Ja, nach großer sogar!

MC: Das Sendeformat bestimmt also Ihren gesamten Lebensrhythmus. Was machen Sie, wenn Sie mal im Urlaub sind oder drehfrei haben?

HS:  Gar nichts. Ich gehe einfach nur spazieren, sitze auch gern mal am Strand. Und ich mache nichts. Absolut nichts.

Quasi aktives Nichtstun. Totale Entspannung ohne Verpflichtung, ohne Fremdbestimmung. Ich bin gerne faul. Müßiggang total. Das tut mir gut.

Nichtsdestotrotz halte ich mich geistig fit. Muss ich ja, von Berufs wegen. Ich lese viel, vor allem gute Sachbücher oder historische Bücher, z. B. über die Epoche des Britischen Empire, in der die Seefahrt eine tragende Rolle spielte. Ich bin ja begeisterter Kreuzfahrer. Da kommt mein Interesse zur Deckung.

MC: Wie stellen wir uns „Dirty Harry“ im Alter von 80 Jahren vor? Vor sich hingrantelnd im Schaukelstuhl wippend oder als Rädelsführer in einer Senioren-WG?

HS:  Senioren-WG? Kein Fall für mich! Ich war nicht mal in einer Junioren-WG… ich brauche immer meinen eigenen Raum. Das kann später auch eine kleine 2-Zimmer-Wohnung sein. Kein Problem. Grundsätzlich ist das Älterwerden für mich auch mit keinerlei Einschränkung verbunden. Ich mach‘ ja auch keinen Sport, den ich dann vermissen könnte… Grundsätzlich kann ich mich sehr gut reduzieren.

Ich habe generell keine Angst vor dem Alter.

MC: Auch keine Angst vor dem Ruhestand – also vor einem Leben nach der letzten Late Night-Show?

HS:  Ich werd‘ da gewiss keine Langeweile haben. Ich reise ja auch sehr gern. Aber das muss nicht gleich der Treckingpfad nach Nepal sein oder ein Flug auf die Malediven. Mir gefällt‘s auch in Deutschland sehr gut. Da denk ich an die schöne Region am Niederrhein oder an die Eifel …

MC: Ruhestand könnten Sie sich jetzt schon leisten, denn wirtschaftliche Umstände zwingen Sie wohl nicht mehr ins Fernsehstudio. Gibt es noch Träume? Sie könnten beispielsweise wie ein sehr bekannter TV-Kollege ein Weingut kaufen...

HS:  Der eine kauft einen Weinberg, der andere richtet ein Schloß ein … Ach wissen Sie, das ist doch viel Flucht vor der Familie. Das ist bei mir natürlich nicht der Fall. In so eine Richtung habe ich überhaupt keine Ambitionen. Wenn, dann werde ich nur Privatier …

MC: … inklusive tägliches Golfspielen?

HS:  Nein. Da müsste ich ja einem Verein beitreten. Und dann die schwere Golftasche tragen… Nee, das ist nix für mich…

MC: Der 50. Geburtstag liegt schon ein wenig hinter Ihnen. Schon mal so etwas wie eine Midlife-Krise verspürt? Zum Beispiel vor 10 Jahren, als Sie mit der Late Night-Show aufhören wollten? Oder war das nur ein Anflug von Burnout, quasi der Vorbote einer kleinen Depression?

HS:  Nein, absolut nicht. Das war nur eine kurzzeitige Unlust. Damals habe ich auch nicht gleich alles andere in Frage gestellt. Also von Krise keine Spur.

Ich bin ein großer Freund der Routine

und weiß auch, dass das in gewisser Weise stabilisiert.

Ich gehe heute entspannter durchs Leben, lässiger und entschleunigt.

Da müsste mir also erstmal was einfallen, was mein derzeitiges Leben toppt!

MC: Statt katholischer Priester der Night-Talker der Nation: die Wege des Herrn sind unergründlich…

HS:  Meine Show ist ja nicht unbedingt so weit von meinem ursprünglichen Berufswunsch entfernt: Die katholische Lithurgie hat ebenfalls einen strengen Ablauf. Alles ist sehr theatralisch, die Musik, die Mess-Gewänder. Da erkenne ich durchaus Parallelen zu meiner Show!

Na welch‘ ein Glück für seine Fans, dass Harald Schmidt dann doch nicht Pfarrer wurde!

Und wer nicht verpassen will, wem „Dirty Harry“ ab und zu die Leviten liest, der kann ja bei Sky-Deutschland reinschauen: jeden Dienstag, Mittwoch und Donnerstag um 22.15 Uhr.