Dr. Susanne Holst

Die promovierte Ärztin, Medizinjournalistin und Zwillingsmutter Dr. med. Susanne Holst (52) ist bekannt dafür, mehrere Bälle gleichzeitig in der Luft halten zu können. Das Herz der beliebten Tagesschau-Moderatorin schlägt auch vor der Kamera für die Medizin. Sie war gerade in der zweiten Folge der SWR-Medizinreihe „Skalpell bitte“ zu sehen. Darüber hinaus arbeitet die umtriebige Medienfrau als (Buch-)Autorin und Persönlichkeitscoach.

„Achtsamkeit“ heißt ihr persönliches Rezept gegen die berüchtigten Stress-Killer, gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit. Ausgleich zum hektischen Medienleben findet die Mutter von 8-jährigen Zwillingen in ihrem Hamburger Stadtgarten, bei Hula Hoop oder dem Poi-Kugel-Schwingen.

MEDIZIN COMPACT-Chefredakteurin Petra Gessinger unterhielt sich mit Dr. Susanne Holst nicht nur über das aktuell heiß diskutierte, neue Sendeformat der Live-OPs, sondern auch über Mind-Body Medizin, die Faszination des Poi-Spiels und ihre Sehnsucht nach Hawaii.

MC:  Mitte November ging im SWR-Fernsehen unter Ihrer Moderation die zweite Folge eines Projektes auf Sendung, das für Gesprächsstoff sorgte: In „Skalpell bitte“ spendete ein Ehemann seiner Frau eine Niere, und die Fernsehzuschauer waren hautnah dabei. Was ist die Grundidee dieses Sendeformats?

Dr. Susanne Holst: Es geht uns darum,  interessierten Menschen zu zeigen, was  sich hinter Eingriffen verbirgt: großartige chirurgische Leistungen ebenso wie bisweilen hochemotionale Schicksale.

Indem wir den Zuschauer in  den OP-Saal mitnehmen und  ihm anschaulich Abläufe,  Operationstechniken und  Entscheidungsprozesse erläutern, klären wir ein Stück weit auf.

Wir helfen denjenigen, die möglicherweise vor der Entscheidung stehen, einen solchen Eingriff vornehmen zu lassen. Genau dies ist übrigens ein Grund dafür, warum sich unsere „Hauptdarsteller“ auf dem OP-Tisch begleiten lassen.

MC:  Auch im Internet ist das Interesse für OP-Videos groß. Bei der Live-Übertragung einer Herzoperation eines Herzzentrums in Brandenburg brach der Server zeitweise zusammen, denn mehr als 10.000 Menschen wollten gleichzeitig virtuell den OP-Saal betreten. Informationsdurst, eine Art Gegenmittel des Ausgeliefertseins  einer OP, Faszinosum Gerätemedizin oder doch nur Medizinvoyeurismus?

Dr. S.H.: Tatsächlich ist es einfacher, sich einem mit Ängsten belegten Thema zu nähern, wenn man das in den vertrauten vier Wänden tun kann. Es betrifft jemand anderen, man kann theoretisch jederzeit aussteigen und sich in der Küche ein Käsebrötchen schmieren … Ja, wir fühlen uns mehr oder weniger bewusst bei Operationen, die mit einer Narkose einhergehen, ausgeliefert.

Den Operateuren über die  Schulter schauen zu dürfen,  nimmt etwas von diesem  mulmigen Gefühl: Wir sehen, was passiert und hören, warum.

MC:  Solche OP-Bilder liefern Transparenz, sind Hingucker und rütteln auf.  Aber auch von Hollywood-Atmosphäre im OP-Saal war zu lesen. Eine journalistische Gratwanderung?

Dr. S.H.: Eine Gratwanderung habe ich  keinesfalls erlebt. Im Gegenteil!

Wir haben über fünfeinhalb Stunden einen Eingriff von Anfang bis Ende begleitet: Kameras im OP, im Vorbereitungsraum. Alles ist sehr würdig und respektvoll abgelaufen.

Die Expertenbefragungen und Demonstrationen hingegen wurden außerhalb im Foyer der Klinik durchgeführt. Daraus wurde ein 90-minütiger Film gestaltet, der auch jetzt noch in der SWR-Mediathek zu sehen ist. Zuvor hatten wir vereinbart, bei auftretenden Komplikationen die Aufzeichnung sofort abzubrechen. Alles andere wäre nicht zu vertreten gewesen und hätte Grenzen überschritten.

MC:  Organspenden hinterlassen in der Bevölkerung – vor allem nach den  bundesweiten Skandalen – ein mulmiges Gefühl. Können solche Sendeformate Mut zu einer erhöhten Transplantationsbereitschaft machen?

Dr. S.H.: Ja, ich bin überzeugt davon, dass solche Formate einen wichtigen Beitrag leisten können, noch einmal neu oder differenzierter über das Thema Organtransplantation nachzudenken. Organspende ist immer ein hochemotionales Thema, einhergehend mit Ängsten, Befürchtungen oder Vorurteilen.

Nur wenn wir diese thematisieren und offen ansprechen, können wir Organspende zu dem werden lassen, was sie ist: ein Liebesdienst

an den Partner oder im Todesfall eine selbstlose Hilfe für Menschen, die dringend ein Organ brauchen, um weiter zu leben.

MC:  Tragen Sie selbst einen Organspendeausweis mit sich?

Dr. S.H.: Ja, der ist immer dabei, in meinem  Portemonnaie, zwischen Ausweis und Scheckkarten.

MC:  Sie verweisen in Ihren Veröffentlichungen häufig auf die magische Kraft der Selbstheilungskräfte. Auf welche Weise und vor allem bei welchen Krankheitsbildern können Ihrer Meinung nach diese „inneren Heiler“ besonders erfolgreich aktiviert werden?

Dr. S.H.: Magisch, weil wissenschaftlich nicht konkret zu fassen.

Selbstheilungskräfte haben für mich persönlich viel mit
der inneren Haltung dem Geschehen gegenüber zu tun.

Ich glaube, wenn wir uns dieser Haltung bewusst werden und sie identifizieren, haben wir auch eine realistische Chance, sie in eine förderliche zu verwandeln. Indem wir mit Unterstützung d i e Anteile in uns suchen und aktivieren, die gelassener mit der Situation umgehen können.

Ich bin überzeugt, dass diese Art der Selbsthilfe bei vielen Krankheitsbildern sehr hilfreich ist und Erleichterung verschafft – natürlich in Verbindung mit guter medizinischer Betreuung.

MC:  Wird diese sogenannte „Mind-Body-Medizin“ Ihrer Meinung nach in Deutschland noch zu zaghaft eingesetzt?

Dr. S.H.: Ja, davon könnten mir mehr gebrauchen. In unserem Gesundheitssystem wird primär der Blick auf die Krankheit gerichtet und entsprechend honoriert.

Die Mind-Body Medizin hat jene Faktoren im Auge, die die Entwicklung und den Erhalt von Gesundheit fördern und stärken:

Ernährung, Bewegung, Entspannung, Stressmanagement zum Beispiel. Das läuft heute immer noch nur nebenbei.

Wir brauchen sehr viel mehr Hilfestellung als gut gemeinte Ratschläge.

MC:  Im Titelthema dieser Ausgabe informieren wir unsere Leser über Typ-2-Diabetes mellitus. Übergewicht, Bewegungsmangel sowie kohlenhydratreiche Ernährung gelten als Hauptverursacher. Wie handhaben Sie als Mutter das Thema „gesunde Ernährung“?

Dr. S.H.: Das war bei uns schon ganz früh ein Thema: Ich habe die Kinder beim Zubereiten der Mahlzeiten eingebunden: Salat rupfen, Tisch decken, neuerdings sogar auch Rührei braten. Auch in Kindergarten und Schule war und ist Ernährung Gesprächsstoff. Das gilt auch für das Thema „ausreichend trinken“. Sehr froh bin ich darüber, dass meine Kinder immer noch in erster Linie stilles Wasser mögen.

MC:  Weihnachten steht vor der Türe! Bereits in der Adventszeit verführen selbstgebackene Plätzchen und Schokolade nicht nur Kinder zum verstärkten Naschen. Schlemmen, was das Zeug aushält – auch im Hause Holst-Weiss?

Dr. S.H.: Naja, Feiertage sind schon etwas Besonderes für uns – weil wir als Familie mal länger zusammen sind, ein paar Tage frei haben, es uns gut gehen lassen. Mit „gut gehen“ verbinde ich tatsächlich auch gutes, kreatives Kochen, zusammen am Esstisch sitzen, gern auch etwas länger, reden, das Zusammensein genießen.

Und so darf auch ich mich Anfang des Jahres wieder dem Klassiker aller guten Vorsätze hingeben: „Jetzt esse ich aber mal eine Zeitlang weniger!“

MC:  Sie haben in Ihrer Laufbahn lange Zeit die beiden Berufsfelder Medizin und Medien parallel betrieben und sich dann doch schlussendlich für die journalistische Karriere entschieden. Was war der ausschlaggebende Grund?

Dr. S.H.: Als ich mein Studium beendete, gab es so viele Ärzte auf dem freien Markt, dass von einer „Ärzteschwemme“ gesprochen wurde. Zu diesem Zeitpunkt waren kaum Stellen für junge Assistenzärzte verfügbar. Ich hatte schon zuvor beim Fernsehen gejobbt. Als sich dann nach meiner Assistenzzeit in einer allgemeinmedizinischen Praxis absolut keine Anstellung in Hamburg finden ließ, kam just in diesem Moment das Angebot, die Hauptmoderation der täglichen 3-stündigen SAT.1-Morgensendung zu übernehmen. Da habe ich zugegriffen.

MC:  Ich habe über Ihr ganz besonderes Faible für Hawaii gelesen. Wieso ausgerechnet Hawaii?

Dr. S.H.: Hawaii war schon da, als ich heiratete. Dort besitzt mein Mann sogar ein Haus, und wir verbrachten dort bis zur Einschulung unserer Zwillinge regelmäßig mehrere Wintermonate am Stück. Hawaii ist ein wunderbarer Ort mit viel Natur, Naturgewalten und einem einzigartigen Klima. Leider war ich schon seit vier Jahren nicht mehr dort.

MC:  Ihre Vorliebe für Hawaii hat Sie auch zum Hula-Tanzen animiert. Eine  Hommage an die Kultur dieser Insel oder eher Tribut an Figur und Fitness?

Dr. S.H.: Eindeutig eine Hommage an die Kultur des Landes: Demut vor den Naturgewalten, Dankbarkeit für die reiche Fülle der Natur, Freude am Zusammensein. Ganz wunderbar ist der Hula, den junge Mädchen oder ältere Damen tanzen. Da geht einem das Herz auf.

MC:  Sie haben auch das Poi-Spiel für sich entdeckt … Was genau versteckt sich hinter dieser Bewegungsart, und was  fasziniert Sie ganz besonders daran?

Dr. S.H.: Poi, das sind im Prinzip zwei Bälle – je an einem Band, rechte und linke Hand – die kunstvoll um den Körper geschwungen werden. Das sieht dann atemberaubend schön aus – als ob die Kugeln, gerne auch mit LED-Beleuchtung, um einen herumtanzen. Poi ist zudem ein hervorragendes Training für den Oberkörper und die Oberarme und beeindruckt auch eher nüchterne Zuschauer. Das traditionelle Poi-Spiel ist rund tausend Jahre alt und hat bei den Nachfahren der neuseeländischen Ureinwohner, den Maori, noch heute Tradition. Kann man auch mit in Öl getränkten Feuer-Kugeln machen. So weit bin ich aber noch nicht 😉

MC:  Als Mutter schulpflichtiger Kinder sind Sie jeden Tag sehr früh auf den Beinen, als Moderatorin ständig auf diesen unterwegs, oft im Business-Outfit und Highheels. Was ist Ihr persönlicher Pflegetipp für geschundene Füße?

Dr. S.H.: Ehrlich gesagt könnte ich meinen Füßen häufiger die  verdienten „Wellness-Viertelstündchen“ zwischendurch gönnen. Was ich aber tatsächlich immer mache, sind ausgeprägte Barfuß-Phasen zuhause. Ich genieße es, nach den beruflichen Absatz-Zeiten mal wieder auf ganzem Fuß zu stehen, nicht vornehmlich auf dem Ballen. Außerdem gönne ich mir eine gute Fußpflege. Und wenn ich mal ganz gut drauf bin – ausgeschlafen und nicht hungrig –

dann laufe ich morgens auch mal barfuß über den kalten taubelegten Rasen

und schlüpfe danach in dicke Wollsocken.

MC:  Zusätzlich zu Ihrem hohen beruflichen Engagement kümmern Sie sich aktiv um soziale Belange. Sie sind u. a. Botschafterin der Pons-Stiftung sowie des IGSL-Hospiz e.V. und Vorstandsmitglied bei go100 e. V. – Hand aufs Herz: Wie schaffen Sie diesen Spagat zwischen Redaktion, Schule und Ehrenamt?

Dr. S.H.:  Tja, das frage ich mich auch manchmal. Fest steht: der Tag hat zu wenige Stunden für all das, was ich machen möchte.  Also kämpfe ich ständig darum, mich noch besser zu organisieren, aber auch darum, klare Prioritäten zu setzen.

Ich habe gelernt, dass ich mich sehr aktiv und bewusst für meine Ruhephasen einsetzen muss, wenn ich mich selbst nicht aus den Augen verlieren will.

In meinem Fall heißt das: Mich mindestens einmal am Tag für ein paar Minuten zurückziehen, mir ein ungestörtes Plätzchen dafür suchen, meine Aufmerksamkeit auf mein Inneres lenken und mich dann ganz allein auf meinen Atem konzentrieren.

Dass dann jede Menge Bilder vor dem inneren Auge auftauchen – Szenen, in denen man sich plötzlich in Dialoge verwickelt sieht und in das Abarbeiten von Listen – ist völlig normal. Diese Bilder dann loszulassen, sich wieder dem Atem zuzuwenden, ist die eigentliche Aufgabe.

Mit der Zeit gelingt dies immer besser. Ich werde im Alltag zunehmend ruhiger und gelassener und behalte meinen Gleichmut.

Einmal am Tag bei sich selbst vorbeischauen –
und sei es nur gedanklich – empfinde ich
als ausgesprochen hilfreich.

Nierentransplantation: Live-Übertragung aus dem OP-Saal

Weitere Infos unter:

www.susanne-holst.de
www.swrmediathek.de

Fotos: Universitätsklinikum Heidelberg; H6S/Katja Zimmermann, www.susanne-holst.de