Die Pille: Gefahr oder Therapie

Sie hat mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel und ist nichtsdestotrotz noch immer in aller Munde: die Antibabypille – oder umgangssprachlich „die Pille“ genannt. Weltweit nehmen 100 Millionen Frauen die Pille.

Einst nur verheirateten Frauen verschrieben – und das auch nur, wenn der Ehemann es erlaubte – ermöglicht heute die kleine runde Hormonpille der emanzipierten Frau einen selbstbestimmten, verantwortungsvollen und zugleich unbeschwerten Umgang mit dem Thema SEX.

In den letzten Wochen allerdings geriet die Pille erneut in Verruf. Frankreichs Arzneiwächter haben das bekannte Präparat „Diane 35“ vom Markt genommen. Diskussionen um das am häufigsten verwendete und zugleich sicherste Verhütungsmittel der Welt wurden damit neu entfacht.

MEDIZIN COMPACT-Chefredakteurin Petra Gessinger fragte nach bei Prof. Dr. Bernd Kleine-Gunk, Chefarzt der Gynäkologischen Abteilung der Euromed Clinic in Fürth: „Wie gefährlich ist die Pille tatsächlich?“

Die Pille – wie gefährlich ist sie wirklich?

Professor Dr. Bernd Kleine-Gunk ist Chefarzt der Gynäkologischen Abteilung in der EuromedClinic in Fürth, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Anti-Aging Medizin (GSAAM), Autor zahlreicher Patientenratgeber und Vorsitzender des ärztlichen Beirats von MEDIZIN COMPACT.

Professor Dr. Bernd Kleine-Gunk ist Chefarzt der Gynäkologischen Abteilung in der EuromedClinic in Fürth, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Anti-Aging Medizin (GSAAM), Autor zahlreicher Patientenratgeber und Vorsitzender des ärztlichen Beirats von MEDIZIN COMPACT.

KG: Insgesamt ist die Pille ein überaus sicheres und nebenwirkungsarmes Medikament. Das muss sie auch sein, denn sie wird ja nicht zur Behandlung schwerer Erkrankungen eingesetzt, wo man Nebenwirkungen gegebenenfalls in Kauf nehmen muss. Vielmehr wird sie von Millionen gesunder Frauen eingenommen, um einer Schwangerschaft vorzubeugen. Letztlich ist sie also ein Lifestylepräparat. Da legt man bezüglich der Nebenwirkungen natürlich ganz andere Maßstäbe an.

MC: Aber dennoch gibt es diese Nebenwirkungen…

KG: Das ist richtig, und sie betreffen vor allem das Thromboserisiko. Um dieses Risiko richtig einzuschätzen, sollte man allerdings einmal einen Blick auf die tatsächlichen Zahlen werfen. Danach bekommt statistisch gesehen in der Gruppe der Frauen zwischen 20 bis 45 Jahren eine von 10.000 spontan eine Thrombose. Unter der Pille sind es nicht eine, sondern drei auf 10.000 Frauen. Diesen Sachverhalt kann man auf zwei Weisen darstellen. Man kann behaupten, dass das Thromboserisiko sich unter der Pille verdreifacht – das klingt dann sehr dramatisch. Oder man kann sich die absoluten Zahlen anschauen. Da wird dann schnell klar, dass das Risiko insgesamt äußerst gering ist.

MC: Welche Risiken gibt es darüber hinaus?

KG: Ein Risiko ist es vor allem, ungewollt schwanger zu werden. Während einer Schwangerschaft steigt nämlich das Thromboserisiko auf das fünf- bis achtfache, also deutlich stärker als bei der Pilleneinnahme. Ganz abgesehen von all den anderen Problemen, die mit einer ungewollten Schwangerschaft einhergehen.
Nach wie vor muss abgewogen werden, ob die Pille die tatsächlich beste Verhütungsmethode ist, wenn zusätzliche Risikofaktoren hinzukommen, wie beispielsweise Rauchen, starkes Übergewicht oder eine Häufung von Thrombosen in der Familie.

MC: Wann sollte eine Raucherin denn mit der Pille aufhören?

KG: Spätestens mit 35. Besser wäre es natürlich, sie würde mit dem Rauchen aufhören.

MC: Und wie steht es mit dem Brustkrebsrisiko unter der Pille? Das macht Frauen ja deutlich mehr Angst als eine Thrombose.

KG: Diese Angst ist allerdings tatsächlich unbegründet. Die Pille gibt es inzwischen seit mehr als 50 Jahren. Sie wird von mehr als 100 Millionen Frauen täglich auf der ganzen Welt eingenommen. Von daher haben wir eine ungeheuere Menge an Daten über dieses Medikament gesammelt. Und die Daten sagen eindeutig: Das Brustkrebsrisiko ist unter der Pille nicht erhöht. Ein anderer Krebs wird durch die Pille dagegen sehr wohl beeinflusst.

MC: Und welcher ist das?

KG: Der Eierstockskrebs – der bösartigste aller gynäkologischen Tumore. Auch hier gibt es inzwischen sehr gute Daten, und die belegen: Wer zehn Jahre lang die Pille eingenommen hat, senkt sein Risiko, diesen aggressiven Krebs zu bekommen, um 50 Prozent.

MC: Die Pille als Krebsprophylaxe? Das ist in der Tat neu.

KG: So neu ist das gar nicht, aber tatsächlich immer noch weitgehend unbekannt. Bereits 2008 berichtete das renommierte Medizinjournal Lancet auf seiner Titelseite, dass die Pille mehr als 200.000 Ovarialkarzinome und damit rund 100.000 Todesfälle durch Eierstockskrebs verhindert hat. Zur Zeit werden jährlich circa 30.000 Ovarialkarzinome weltweit durch die Einnahme der Pille vermieden.

MC: Eine erstaunliche Zahl. Woran liegt es, dass dies so wenig bekannt ist?

KG: Das hat wohl mit dem Wesen unserer Presse zu tun. Da gilt leider immer noch der Grundsatz: “Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten“. Man soll Krankheiten und Todesfälle sicherlich nicht gegeneinander aufrechnen. Aber wenn über vier Thrombosetote in Frankreich die ganze Weltpresse schreibt und 100.000 vermiedene Krebstote keinerlei Erwähnung finden, dann stimmen die Relationen einfach nicht mehr.

MC: Die Pille ist ja inzwischen seit rund 50 Jahren auf dem Markt. Gibt es da überhaupt noch neue Entwicklungen? Wird die Pille weiter verbessert?

KG: Durchaus. Eine solche Weiterentwicklung sind zum Beispiel Pillen mit natürlichem Östrogen. Statt der synthetisch veränderten Geschlechtshormone, die klassischerweise in den Pillen enthalten sind, setzt man nun zunehmend auf körpereigene Östrogene. Auch dadurch erhofft man sich, die Thromboseraten und die Leberbelastung weiter zu senken. Die entsprechenden Laborwerte unter Einnahme derartiger Pillen scheinen diese Annahme zu belegen. Ob dadurch tatsächlich weniger Thrombosen auftreten, wird man allerdings erst in einigen Jahren wissen – eben weil diese Komplikation so selten ist.

MC: Bei allen Vorteilen, die die Pille bietet – viele Frauen berichten über eine gewisse „Pillenmüdigkeit“, wenn sie diese über viele Jahre hinweg eingenommen haben. Welchen Rat haben Sie für diese Frauen?

KG: Da gibt es inzwischen einiges an Alternativen. Das Spektrum an empfängnisverhütenden Maßnahmen ist ja inzwischen sehr vielfältig (Anmerkung der Redaktion: s. Seite 34 ff., „Alles Verhütung – oder was?“) Eine übrigens äußerst populäre Maßnahme zur Empfängnisverhütung ist die sogenannte Hormonspirale. Diese kann bis zu 5 Jahre in der Gebärmutter liegen bleiben und hat darüber hinaus den Vorteil, dass durch das kleine Gestagendepot die Blutungen reduziert werden oder sogar ganz ausbleiben.

MC: Und die ausbleibenden Blutungen wirken sich nicht negativ aus?

KG: Überhaupt nicht. Es ist ja nicht so, dass mit den Blutungen irgendwelche Gifte, Schlacken oder Schadstoffe ausgeschieden würden, auch wenn dies immer noch in einigen Köpfen herumgeistert. Die Menstruationsblutung ist lediglich die Ausstoßung der Gebärmutterschleimhaut, nachdem keine Schwangerschaft eingetreten ist. Ein Blutzoll, den Frauen Monat für Monat für die Fortpflanzung leisten. Wird keine Schwangerschaft angestrebt, braucht es diese Blutungen auch nicht.

MC: Die Blutungen kann ich aber doch auch mit der normalen Pille unterdrücken?

KG: Ja, das können Sie. Dazu müssen Sie lediglich sogenannte Langzyklen durchführen, also mit der Pille keine Pause machen, sondern diese einfach durchnehmen. In den letzen Jahren haben sich diese Langzyklen immer mehr durchgesetzt, auch wenn es in Deutschland bisher keine Pille gibt, die dafür eine offizielle Zulassung hat. Ihr Gynäkologe erklärt Ihnen aber, wie und mit welchen Pillen Sie diese Form
der blutungsfreien Empfängnisverhütung durchführen können.

MC: Die Blutung nicht nur zu verschieben, sondern völlig zu unterdrücken – ist das nicht sogar ein wenig unnatürlich?

KG: Noch einmal: Für die Gesundheit der Frau ist die Blutung nicht erforderlich. In nicht wenigen Fällen ist sie sogar abträglich, weil sie zu einer latenten Blutarmut führen kann. Immer mehr Frauen nutzen die neue Freiheit, nicht nur selber darüber bestimmen zu können, ob und wann sie schwanger werden wollen, sondern auch zu entscheiden, ob und wann sie eine Menstruation haben möchten. Und die Entscheidung lautet inzwischen immer häufiger: Schluss mit dem Blutvergießen.

Foto: Piotr Marcinski, fotolia.com