04_1_DepressionAmArbeitsplatzWissen hilft im Umgang und wirkt positiv aufs Betriebsklima

Das tragische Unglück der Germanwings Maschine am 24. März hat eine neue Debatte um das Thema Depression ausgelöst und die Frage aufgeworfen, inwieweit an Depression erkrankte Menschen bestimmte Risikoberufe ausüben dürfen oder gar eine Meldepflicht bestehen sollte.

Das ist nach so einem schrecklichen Ereignis zunächst verständlich“, bestätigt auch Professor Dr. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Leipzig. Im Interview mit MEDIZIN COMPACT-Chefredakteurin Petra Gessinger äußert der deutschlandweit angesehene Experte zum Thema „Depression“ jedoch zugleich seine Sorge, daß durch Überreaktion oder populistische, öffentliche Äußerungen viel mehr Schaden angerichtet als verhindert werde könne.

MC: Was versteht man unter der Erkrankung „Depression“ genau?

Prof. Hegerl: Zunächst ist Depression eine Erkrankung wie jede andere auch. Sie betrifft Funktionsabläufe im Gehirn und geht mit tiefen Veränderungen im Erleben und Verhalten einher. Mehrere Krankheitszeichen müssen über mindestens zwei Wochen vorliegen, damit man von einer depressiven Erkrankung sprechen kann. Dazu zählen neben der gedrückten Stimmung eine Interessen- und Freudlosigkeit sowie ein permanentes Gefühl der Erschöpfung und Schwunglosigkeit. Fast immer sind Schlafstörungen vorhanden, oft Appetitstörungen mit Gewichtsverlust. Die Betroffenen neigen auch dazu, sich selbst die Schuld zu geben, und die regelhaft vorhandene, tiefsitzende Hoffnungslosigkeit führt oft zu finsteren Gedanken bis dorthin, sich etwas anzutun.

MC: Wo liegen die Ursachen für diese Erkrankung?

Prof. Hegerl: Einerseits können wir Gründe im Verhalten, in der Lebenssituation und der Lebenserfahrung suchen. Traumatisierungen oder Missbrauchserlebnisse in frühen Lebensabschnitten erhöhen das Risiko, später an einer Depression zu erkranken. Manchmal gibt es auch aktuelle Auslöser, die jedoch keineswegs immer vorhanden sind und scheinbar auch positiv sein können, wie ein Urlaubsantritt oder eine bestandene Prüfung. Andererseits gibt es Erklärungen, die von Veränderungen innerhalb des Organismus ausgehen. So spielt die genetische Veranlagung eine Rolle und Ungleichgewichte in den Botenstoffen im Gehirn.

MC: Wie kann eine Depression behandelt werden?

Professor Hegerl

Professor Hegerl

Prof. Hegerl: Die Botschaft ist: Depressionen sind gut behandelbar, wobei die wichtigsten Ansätze die medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva und die Psychotherapie sind.

Antidepressiva sind besser als ihr Ruf. Sie machen nicht abhängig, verändern auch nicht die Persönlichkeit, haben aber den Nachteil, daß sie nicht sofort, sondern meist erst nach zwei bis drei Wochen eine deutliche Wirkung zeigen. Bezüglich der Psychotherapie liegen mit Abstand die besten Wirksamkeitsbelege für die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie vor. Das ist ein Psychotherapieverfahren, das sich mit aktuellen und lebenspraktischen Aspekten beschäftigt, so z. B. mit der Tagesstrukturierung, dem Vermeiden von chronischen Überforderungen oder negativem Gedankenkreisen. Mit beiden Verfahren kann nicht nur eine depressive Krankheitsphase zum Abklingen gebracht werden, sondern auch das Risiko eines Rückfalls deutlich reduziert werden.

MC: Ist Depression heilbar?

Prof. Hegerl: Depression ist gut behandelbar. Wenn ein Mensch jedoch einmal in eine depressive Krankheitsphase gerutscht ist, so weist das darauf hin, daß eine Veranlagung und damit auch ein erhöhtes Risiko vorliegt, im Laufe des Lebens erneut in eine depressive Episode zu geraten.

MC: Im Rahmen der Debatte infolge des Absturzes der Germanwings-Maschine sind Rufe nach einem Berufsverbot für Menschen mit Depression laut geworden, und dies vor allem in sogenannten Risiko-Berufen. Was meinen Sie dazu?

Prof. Hegerl: In den letzten 30 Jahren hat sich die Situation für die depressiv Erkrankten durch Aufklärungskampagnen und Schulungen der Ärzte sowie andere Maßnahmen deutlich verbessert. Mehr depressiv Erkrankte holen sich Hilfe, die Ärzte erkennen Depressionen besser und die Erkrankung Depression wird nicht mehr so häufig hinter Ausweichdiagnosen, wie chronischer Rückenschmerz, Ohrgeräusche, chronischer Kopfschmerz o. ä. versteckt. Werden nun Forderungen nach Berufsverbot, Meldepflicht u. a. laut, so wird diese Entwicklung wieder rückgängig gemacht.

Der offenere und bessere Umgang mit der Erkrankung Depression dürfte mit ein Hauptgrund dafür sein, daß wir einen deutlichen Rückgang der Suizide haben.

MC: Kann die Arbeit eine Ursache für Depressionen sein?

Prof. Hegerl: Bei sehr vielen Menschen mit Depressionen, die ich kennengelernt und behandelt habe, kann ich mich kaum an einen Fall erinnern, in dem ich den Eindruck hatte, daß die Arbeit die wesentliche Ursache gewesen ist. In der Regel ist Arbeit jedoch eher schützend durch die Tagesstrukturierung, die Sozialkontakte und die Sinnstiftung, die sie bietet.

Schleicht sich eine depressive Episode ein, so wird jedoch der Arbeitstätige immer das Gefühl haben, völlig überfordert zu sein. Genauso wird es aber einem Rentner, einem Arbeitslosen oder einem Studenten gehen, da dieses Gefühl der Erschöpfung jede Depression begleitet. Die Statistiken zeigen übrigens: Depressionen sind bei Berufstätigen eher seltener als bei Nichtberufstätigen oder in Teilzeit beschäftigten Menschen.

MC: Gibt es einen Zusammenhang von Depression und Arbeitslosigkeit?

Prof. Hegerl: Verglichen mit Berufstätigen leiden Arbeitslose und vor allem ältere Langzeitarbeitslose deutlich häufiger an psychischen Erkrankungen, insbesondere auch an Depressionen. Hauptursache dürfte aber sein, daß Menschen mit Depressionen ein hohes Risiko haben, arbeitslos zu werden. Depression und andere psychische Erkrankungen sind bei Langzeitarbeitslosen übrigens das wichtigste Vermittlungshemmnis in den Arbeitsmarkt. Diesem Problem wird aber zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet, da die Neigung besteht, die psychischen Probleme und auch die Depressionen als Folge der Arbeitslosigkeit fehlzuinterpretieren.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe hat deshalb das Konzept des „Psychosozialen Coaching“ ins Leben gerufen. In Kooperation mit den Jobcentern ist das Ziel, daß die große Zahl der Langzeitarbeitslosen mit nicht konsequent behandelten psychischen Erkrankungen möglichst rasch professionelle Hilfe erhalten. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, daß dies ein sehr wichtiger und erfolgreicher Ansatz ist. In Kooperation mit der Deutschen Bahn Stiftung wird das Konzept „Psychosoziales Coaching“ von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe den Jobcentern deutschlandweit zur Übernahme angeboten.

MC: Was können Arbeitgeber tun, um zu verhindern, daß ihre Mitarbeiter überhaupt erst den ersten Arbeitsmarkt verlassen?

Prof. Hegerl: Führungskräfte sollten in der Lage sein, mit Mitarbeitern, die durch ihr Verhalten Anlass zur Sorge geben, ein orientierendes Gespräch zu führen. Führungskräfte sollten sich Basiswissen über die Depression aneignen, um erkrankte Kollegen dabei zu unterstützen, sich professionelle Hilfe zu holen.

(Foto: photo by Jeanette Dietl)