Dalai Lama über den Sinn des Lebens

Ein Heiliger auf Promotion-Tour? Gleich zur Begrüßung der kleinen Runde an geladenen Journalisten, an der auch MEDIZIN COMPACT-Chefredakteurin Petra Gessinger teilnehmen durfte, erklärte Seine Heiligkeit, der 14. Dalai Lama, den wahren Grund, weshalb er erneut die Einladung nach Hamburg angenommen habe: er sei auf Promotion-Tour – für eine bessere Welt, also zum Wohle der Menschheit. Denn diese läge ihm so sehr am Herzen!

Mit außerordentlichem Charisma und der für ihn so charakteristischen Mischung aus Unbekümmertheit, Besonnenheit und Weisheit faszinierte das 79-jährige geistliche Oberhaupt der Tibeter während seines viertägigen Vortrags-Marathons in Hamburg auch Nicht-Buddhisten. Seine Reden, oftmals tiefgründig verknüpft mit Witz, Selbstironie und seinem markanten Lachen, erreichten täglich bis zu 7000 Zuhörer, die vom 23. bis 26. August ins Congress Centrum Hamburg (CCH) kamen.

Mehr Mitgefühl, weniger Gewalt, mehr Toleranz und Vergebung – mit diesem unermüdlichen Appell verschaffte sich der Friedensnobelpreisträger Gehör bei den Versammelten, die er daran erinnerte: „Die Zukunft kann sich verändern, die Vergangenheit aber bleibt. Was geschehen ist, ist geschehen. Aber das, was kommt, bestimmen wir selbst.“

Um Frieden in der Welt verbreiten zu können, müsse jeder Mensch damit zuallererst in seiner persönlichen Umgebung anfangen.

Jeden Tag sähen wir im Fernsehen schreckliche Bilder von Brüdern und Schwestern, die sich gegenseitig umbringen. Dagegen gilt es etwas zu unternehmen. Der Dalai Lama gab zu bedenken: „Frieden kommt nicht von Allah oder Buddha, sondern muss von den Menschen geschaffen werden.“
Es sind genau diese ob ihrer schlichten Wahrheit so simplen Botschaften des tibetischen Oberhauptes, welche die Zuhörer in ihren Bann ziehen.

„Jeder Mensch hat das Recht, ein glückliches Leben zu führen.“

Doch wie gelingt dem Menschen das Glücklichsein? Was hilft gegen die alltäglichen Sorgen und Ängste? Der Dalai Lama empfiehlt die Schulung des Geistes, gepaart mit einem ausgewogenen Maß an Selbstliebe und Achtsamkeit. Der Weg dorthin: „Wir müssen unsere mentalen Belastungen, Stress, Furcht, Ängste oder Frustration überwinden.“ Noch immer werde den materiellen Werten viel zu viel Bedeutung beigemessen. Wir sollten stattdessen lernen, eine tiefere Ebene des Denkens zu erlangen. Wissenschaftler hätten schon lange herausgefunden, dass Seelenfrieden für die Gesundheit sehr wichtig ist.

„Zorn, Hass und Angst fressen unser Immunsystem auf.“

Positive Gefühlen stärken also nachweislich unser Immunsystem. Insofern könne Geistesschulung auch eine präventive Wirkung haben oder bei einer Erkrankung zur schnelleren Heilung führen. Dies solle jedoch nicht zu dem Irrgauben führen, man könne Krankheit einfach wegmeditieren.
Achtsamkeit spiele in der tibetisch-buddhistischen Tradition insgesamt eine sehr wichtige Rolle. „Ohne Achtsamkeit zerstören wir unsere Familien, unsere Wirtschaft, aber auch den Planeten. Wir sollten lernen, mehr auf die Folgen unseres Tuns zu achten. Achtsamkeit führt zu einem gesunden Geist.“

Kann Meditation ein hilfreicher Weg dorthin sein? „Durchaus“, erklärt der Dalai Lama, gibt aber gleichzeitig zu bedenken: „Meditation ist kein Allheilmittel. Wenn der Meditierende voller negativer Emotionen bleibt, hat sie keinen Nutzen“. Das Wichtigste sei es, eine innere Stärke zu entwickeln.
Aber das benötige Jahre.

„Erkenntnis und Bewusstseinsschulung sind ein langer,zäher Weg.“

Ein Mensch, der sich selbst „erkannt“ hat, sei mit sich selbst im Reinen. Er habe sein Gleichgewicht gefunden, sozusagen seine „Mitte“. Dies mache ihn zufrieden und mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar glücklich.
Genau diesen Zustand strahlt der Dalai Lama trotz seines offensichtlichen, sehr hohen Arbeitspensums (die Hälfte des Jahres ist er auf Reisen und Vorträgen weltweit unterwegs) auf sehr authentische Weise aus. Und es ist offenbar auch genau diese Aura des stets freundlich-fröhlichen, tibetischen Mönches, einem der wichtigsten Religionsführer unserer Zeit, die ihm das nötige Gewicht seiner oftmals so einfachen klingenden Botschaften verschafft.

Unermüdlich betont das geistliche Oberhaupt der Tibeter: bei seinem Engagement zugunsten einer besseren Welt ginge es ihm überhaupt nicht um seine Person.
Er sei lediglich „einer von sieben Milliarden Menschen auf dieser Welt“ und ergänzte mit dem ihm so typischen Schmunzeln auf den Lippen: er sei nicht besser oder schlechter, aber auf jeden Fall ausgeglichener. Und bestätigt das, was die Zuhörer schon längst erahnten:

Der Dalai Lama hat das gefunden, wonach andere lange und viele vergeblich suchen: den „Frieden des Geistes“.

Seine Heiligkeit legt im übrigen auch keinen Wert darauf, als Göttlichkeit verehrt zu werden. Wichtiger sei ihm, dass seine Impulse die Menschen tief in deren Herzen erreiche. „Ihr dürft mich nicht als etwas Besonderes ansehen, ich bin nur ein Mensch wie wir alle. Sogar Buddha hat eine Mutter – er ist nicht vom Himmel gefallen“, sagt er und lacht dabei wieder sein ansteckendes Lachen.
Der Dalai Lama – also doch ein durch und durch überzeugender Werbebotschafter für eine bessere Welt …

Tibetisches Zentrum e.V.
Hamburg

Das Tibetische Zentrum e.V. Hamburg ist ein buddhistisches Meditations- und Studienzentrum mit Häusern in Hamburg-Rahlstedt und Schneverdingen. Seit seiner Gründung im Jahre 1977 steht es unter der Schirmherrschaft des 14. Dalai Lama, der auf Einladung des Zentrums bereits sechsmal in Hamburg zu Gast war.

Das vielfältige Programm im Tibetischen Zentrum e. V. bietet Vorträge, Meditationsseminare, Klausuren und vieles mehr für Neuinteressierte, Nicht-Buddhisten und Buddhisten. Tibetische und westliche Lehrerinnen und Lehrer vermitteln den Buddhismus authentisch, zeitgemäß und mit Bezug zur westlichen Kultur.
Besondere Anerkennung erhält das Zentrum für sein Angebot eines mehrjährigen, systematischen Studiums des Buddhismus, das im Oktober mit dem 11. Studiengang fortgesetzt wird und das auch im Fernstudium bundesweit durchgeführt werden kann.

Der diesjährige, viertägige Besuch des Dalai Lama Ende August wurde von vornherein als non-profit Event durchgeführt. Durch den sehr guten Zuspruch der Veranstaltung entstand allerdings ein Überschuss von ca. 200.000 Euro. Das Geld geht hauptsächlich an eine Stiftung des Dalai Lama (der selbst kein Honorar entgegennahm), ein Projekt für Säkulare Ethik in Hamburg, ein Übersetzungsvorhaben, die Förderung von Lehrern im Tibetischen Zentrum und an die Event Gmbh für zukünftige Veranstaltungen.

Seine Heiligkeit wohnte übrigens wie immer gemeinsam mit seiner 10-köpfigen Entourage als persönlicher Gast des Hamburger Unternehmers Eugen Block in dessen Hotel an der Rothenbaumchaussee. Da Tenzin Gaytso, wie das geistliche Oberhaupt der Tibeter mit bürgerlichem Namen heißt, über kein eigenes Geld verfügt, wird er zu all seinen Reisen eingeladen. Die großzügige Unterstützung von zahlreichen Spendern und Gönnern ermöglicht es auf diese Weise, dass der Dalai Lama seine Botschaft in die Welt hinaustragen kann.

Weitere Infos unter: www.tibet.de

 

Lesen Sie die Antworten des Dalai Lama auf Fragen zu den derzeitaktuellsten Gesundheitsthemen unserer Zeit:

„Geistige Gesundheit ist das tiefe Fundament für die gesamte Gesundheit!“

Thema DEPRESSION

Psychische Erkrankungen nehmen in hohem Maße zu. Die westliche Welt scheint vor einer kollektiven Depression zu stehen. Und das, obwohl wir heute in großem Wohlstand leben und weniger hart körperlich arbeiten als jemals zuvor. Faktoren wie Informationsüberflutung, Erfolgsdruck, Sinnkrise, ein andauerndes Überschreiten persönlicher Leistungsgrenzen, aber auch anhaltende soziale Konflikte führen dazu, dass viele Menschen unglücklich sind mit ihrem Leben.

Worin, glaubt Seine Heiligkeit, liegt der Hauptgrund, dass paradoxerweise in den reichsten Ländern dieser Welt die Psyche des Menschen immer kränker wird?

Der Dalai Lama:
Noch immer wird vor allem in der westlichen Welt den materiellen Werten viel zu viel Bedeutung beigemessen.

„Zu viele Wünsche, zu viele Optionen und Konzepte ermüden den Geist.“

Je mehr Bedürfnisse wir erfüllt haben wollen, umso schwieriger kann es werden, mit Enttäuschungen umzugehen. Glück ist immer noch am leichtesten erreichbar durch Genügsamkeit oder – noch profaner ausgedrückt – durch das Mittelmaß. Der Begriff „Mittelmaß“ habt jedoch überhaupt nichts mit „Mittelmäßigkeit“ zu tun. Im Gegenteil: „in der Mitte zu sein“ sei gleichbedeutend mit „Gleichgewicht“. Ein Mensch, der mit sich selbst im Gleichgewicht, also in „seiner Mitte“ ist, wird zufrieden oder mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar glücklich sein.

„Zufriedenheit macht den Geist fröhlich.“

Viel von unserer inneren Aufruhr basiert auf Gefühlen wie Angst und Wut. Diese negativen Emotionen, die unseren friedlichen Geist stören, müssen beseitigt werden. Dies gelingt durch Geistesschulung.

Die Aussagen des Dalai Lama beziehen sich auf Aussagen Seiner Heiligkeit in der Pressekonferenz am 23.08.14 in Hamburg, auf Zitate aus seinem Vortrag „Menschliche Werte leben“ in Hamburg (23.08.2014), auf Zitate aus dem Buch „Die Regeln des Glücks“ (siehe MEDIZINI COMPACT-Buchtipp), auf Artikelinhalte von Franz Alt für die TZ München (August 2014) sowie auf Zitate aus einer Rede anlässlich seines Aufenthalts im Jahre 2007 in Atlanta (USA).MEDIZIN COMPACT dankt Oliver Petersen für seine beratende Unterstützung, ohne welche die redaktionelle Berichterstattung über Seine Heiligkeit nicht in diesem Umfang möglich gewesen wäre.

Thema SÜCHTE

Einer der Empfehlungen in den „Fünf Silas“ (Tugendregeln) im Buddhismus lautet, nicht mit Rauschmitteln den Geist zu verwirren. In Deutschland sind etwa 1,3 Mio. Menschen alkoholabhängig, das Trinkverhalten weiterer zwei Mio. Männer und Frauen fällt in die Kategorie „Alkoholmissbrauch“.
Was, glaubt Seine Heiligkeit, ist die Kernursache dieser
Massenbetäubung des Geistes?

Der Dalai Lama:
Heutzutage gibt es hochentwickelte Gesellschaften, in denen jedoch viele Menschen unglücklich sind. Knapp unter der glanzvollen Oberfläche des Wohlstands verbirgt sich eine Art geistige Unruhe, die zu Frustation, unnötigen Streitereien, Drogen- und
Alkoholabhängigkeit und im schlimmsten Fall zu Selbstmord führen kann. Es besteht also keine Garantie dafür, dass Reichtum allein die ersehnte Freude und Erfüllung schenkt.

„Die mentale Verfassung, der „Geistfaktor“, scheint einen gewaltigen Einfluss auf unsere Erfahrungen im Alltagsleben auszuüben.“

Meide die Zerstörer Deines Geistes!
Beispiel Alkohol: Die eigentlichen Bedürfnisse werden negiert und Probleme nicht gelöst, man lenkt sich nur ab. Betäubung ist keine Lösung. Kompensation ist nur das Verzögern eines Problems, eines Konflikts, einer inneren Disharmonie.

MEDIZIN COMPACT-Buchtipp:
„Mind over Medicine“
Dr. med. Lissa Rankin
Kösel Verlag ISBN 978-1401939984

Seine Heiligkeit ganz privat:
Was Sie schon immer über den 14. Dalai Lama wissen wollten…

Gläubige erklärten im Jahr 1937 den damals erst zwei Jahre alten Knaben zur Wiedergeburt des kurz zuvor verstorbenen 13. Dalai Lama. Im Alter von nur fünf Jahren zog das heutige geistliche Oberhaupt der Tibeter von seinem Elternhaus in den 1000 Zimmer fassenden Potala-Palast um und erfuhr dort eine umfangreiche Ausbildung. Bereits in seiner Jugend zeigte der 14. Dalai Lama einen unerschöpflichen Wissensdurst: technikbegeistert und vor allem interessiert am Geschehen in der westlichen Welt. Später diskutierte er mit Naturwissenschaftler über Physik und Quantenphysik, beschäftigte sich mit Darwinismus, der Relativitätstheorie und Neurologie.
Nach seiner Flucht im Jahre 1959 aus dem von China besetzten Osttibet lebt er seitdem mit 20.000 Tibetern im nordindischen Dharamsala im Exil. Der 14. Dalai Lama ist der erste tibetische Religionsführer, der seinen eigenen Kulturkreis verließ und die gesamte Welt bereist. Der kosmopolitische Religionsführer wohnt mit Blick auf den Himalaja. Indisches Militär und seine eigene Leibwache sorgen für seine persönliche Sicherheit.

Dalai Lama Facts

Geburtsname: Lhamo Döndrub
Bürgerlicher Name: Tendzin Gyatsho
Geburtstag: 06. Juli 1935 in Tibet (Zentralasien)
Nationalität: indisch
Eltern/ Familie: Vater lebte als Bauer und Pferdehändler, Mutter brachte 16 Kinder zur Welt, von denen nur sieben das Erwachsenalter erreichten
Tagesbeginn: täglich gegen 3.30 Uhr
Tagesausklang: meistens kurz nach 18 Uhr
Schlafbedarf: bis zu 9 Stunden – „Mein Urlaub ist der Schlaf“
Geistige Fitness: täglich bis zu fünf Stunden: Meditation, gleich nach dem Aufstehen (über Texte auf uralten Palmblättern), Studium von Schriften des Buddhismus, Rezitieren von Gebeten – aber auch tägliches Lesen englischsprachiger, indischer Tageszeitungen, Morgennachrichten der BBC
Körperliche Fitness: jeden Tag 20 Minuten lang Laufband, nach dem Meditieren; der Dalai Lama kann nicht schwimmen!
Essgewohnheiten: Frühstück zuhause: tibetischer Gerstenbrei und abgepacktes, amerikanisches Haselnussmüsli; Frühstück auf Reisen: kräftiges, interkontinentales Frühstück
Mittagessen: üppig und vegetarisch
K e i n Abendessen (seit 50 Jahren)
Lieblingsblumen: Orchideen
Persönliche Abneigungen: Personenkult in jeglicher Form
Esoteriker (vor allem, wenn sie eine schnelle Erleuchtung suchen)
Persönliche Schwächen: Bezeichnet sich selbst als faul, z. B.im Hinblick auf Verbesserung seines Englisch, Lernen von neuen Vokabeln oder das Benutzen eines Computers
Persönliches Motto: „Das Wichtigste im Leben ist Liebe und Glück“
„Das Herz entscheidet, nicht die Religionszugehörigkeit“

 

MEDIZIN COMPACT-Buchtipp:
„Die Regeln des Glücks“
Dalai Lama / Cutler, Howard C.
Herder Verlag ISBN 978-3-451-06247-6